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Das Wagenrennen

Das Wagenrennen

Titel: Das Wagenrennen
Autoren: Martin Scott
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1. KAPITEL
    Ich verlasse die Gerichtshöfe, und es regnet noch immer. Ein gewaltiger Donnerschlag lässt den Himmel erbeben. Ich antworte mit einem gereizten Knurren.
    »Na großartig! Der Richter hat mir gerade meine ganzen Ersparnisse abgeknöpft, es ist Regenzeit, und jetzt fangen auch noch die Stürme an!«
    Der Himmel zeigt mir sein hässliches Gesicht. Meines sieht nicht viel besser aus. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals schlechtere Laune gehabt zu haben. Ex-Vizekonsul Rhizinius ist es diesmal tatsächlich gelungen, mich hereinzulegen. Wenn ich ihm jemals in einer dunklen Gasse begegne, ramme ich ihm einen alten, rostigen Dolch in seinen Wanst. Aber was heißt hier dunkel? Sie muss gar nicht dunkel sein, die Gasse. Einfach nur eine kleine Seitenstraße würde genügen.
    »Du hast doch noch ein bisschen Geld übrig«, bemerkt Makri.
    »Ich habe das bisschen leider bei den Wagenrennen in der Provinz verloren.«
    »Wie viel genau war das bisschen?«
    Ich schüttle den Kopf. Makri interpretiert das ganz richtig. Es bedeutet: alles, was ich hatte. Blitze zucken am Himmel. Der Regen prasselt heftiger als je zuvor herunter. Eine kleine Gestalt mit einer ekligen Visage taucht im Portal der Gerichtshöfe auf. Das Weiß ihrer Bonzentoga blitzt unter dem pelzgeschmückten Saum ihres Umhangs hervor. Senator Rhizinius, ehemaliger Vizekonsul von Turai. Und noch Leiter der Palastwache. Acht Palastwächter flankieren ihn.
    Ich spiele kurz mit dem Gedanken, mich trotzdem zu ihm durchzuschlagen, kann mich aber gerade noch beherrschen. Es ist auch nicht nötig.
    Rhizinius schiebt sein schmales Rattengesicht heran. »Du hast verdammt viel Glück gehabt, Thraxas«, sagt er verächtlich. »Der Richter war viel zu nachsichtig mit dir. Wenn es nach mir gegangen wäre, würdest du jetzt auf einer Strafgaleere rudern.«
    »Ach wirklich? Wenn Ihr mir noch länger auf die Nerven geht, Rattenfresse, könnt Ihr Eure Toga vorzeitig an den Haken hängen.«
    »Droh mir nicht, Fettsack!«, zischt Rhizinius. »Oder ich schleife dich so schnell wieder vor Gericht, dass dir schwindlig wird. Ich bin immer noch der Anführer der Palastwache. Solltest du auch nur einen winzigen Schritt vom Pfad des Gesetzes abweichen, komme ich über dich wie ein böser Bann. Deine Zukunft in Turai ist zu Ende. Ich rate dir dringend, die Stadt zu verlassen, solange du noch kannst.«
    Ich starre Rhizinius hasserfüllt an. Vor einer Weile habe ich ihm tatsächlich eins ausgewischt. Im Zuge einer Ermittlung im letzten Sommer habe ich seinen politischen Ambitionen einen empfindlichen Dämpfer versetzt und dafür gesorgt, dass er die Wahlen zum Vizekonsul verloren hat. Das freut mich immer noch.
    »Kommt mir nicht in die Quere«, knurre ich ihn an. »Eure Aufpasser werden mich nicht daran hindern können, Euch die Eingeweide aufzuschlitzen, wenn mir danach zumute ist.«
    Ich lasse meine Hand wie unabsichtlich zum Schwert an meiner Seite gleiten. Rhizinius zuckt ein wenig zusammen. Er weiß, dass ich dazu in der Lage wäre. Aber er erholt sich rasch.
    »Ich glaube«, sagt er höhnisch, »du wirst bald feststellen, dass du dir da eine ziemlich dicke Suppe eingebrockt hast und es dir kaum leisten kannst, herumzulaufen und deine Vorgesetzten zu bedrohen.«
    Mit diesen Worten lässt Rhizinius mich stehen. Seine Wachen folgen ihm in einem schönen Gänsemarsch.
    »Jedenfalls verstehst du es gut, dir einflussreiche Freunde zu machen«, bemerkt Makri. Sie lädt mich zu einem Bierchen ein, und wir hasten durch den Regen in eine Taverne am Rand der Gerichtshöfe. Dort stählen die Angeklagten ihre Nerven vor den Verfahren, und die Advokaten versaufen anschließend ihre Honorare.
    »Wie lange, sagtest du, dauert diese Regenzeit?« Makri lebt noch nicht lange in Turai und hat sich noch nicht so richtig an unsere Jahreszeiten gewöhnt.
    »Etwa einen Monat. Und jetzt, da die Stürme angefangen haben, wird es noch schlimmer. Letztes Jahr musste Ghurd die Wände der Rächenden Axt sogar mit Sandsäcken verstärken.«
    Makri und ich wohnen in der Rächenden Axt. Das ist eine Kaschemme in ZwölfSeen. Es ist zwar kein sonderlich vornehmer Platz zum Leben, aber so einen Ort findet man in ZwölfSeen sowieso nicht. Im rauen Hafenviertel von Turai strandet man, wenn das Leben es nicht besonders gut mit einem meint. Wenn man zum Beispiel ein gut bezahlter Hoher Ermittler im Kaiserlichen Palast ist, der wegen angeblicher Trunkenheit, Insubordination und was man mir sonst noch angehängt

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