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Das verlorene Land

Das verlorene Land

Titel: Das verlorene Land
Autoren: J Birmingham
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Prolog
    Seattle, Washington
    »Mann, Präsident sein nervt total.«
    »Und was glaubst du wohl, wie sehr es nervt, mit einem Typen verheiratet zu sein, der sich ständig darüber auslässt, wie nervig es ist, Präsident zu sein.«
    Kipper zuckte zusammen, als Barbara bei dem Versuch, den obersten Knopf seines Hemds zu schließen, ein Stück Haut unter seinem Adamsapfel einklemmte.
    »Mein Gott, Kip. Du benimmst dich wie ein Kleinkind. Ein Glück, dass deine Marines dich so nicht sehen können.«
    »Es sind nicht meine Marines«, protestierte er, während er über die Schulter seiner Frau hinweg in den Ganzkörper-Spiegel schaute, der in ihrem Schlafzimmer stand.
    O Mann.
    Er sah aus wie ein Pinguin.
    Er trug einen dämlichen Frack. Mit Schwänzen und all dem Zeug. Wahrscheinlich würde er gleich anfangen, wie ein bescheuerter Pinguin zu quieken.
    Und nachdem Barbara nun endlich mit dem letzten Knopf fertig war, kam bestimmt gleich die schauderhafte Prozedur des Krawattenbindens.
    »Muss ich das wirklich …«
    »Ja, Kip, du musst das wirklich tun. Es gehört nun mal zu deinem Job.«
    »Aber ausgerechnet Poesie …«

    Kip streckte sich und zog seinen blöden Anzug fertig an, während Barbara sich vor dem altmodischen Schminktisch die Ohrringe anlegte.
    »Ach komm, Kip«, sagte sie lächelnd. »In den letzten Jahren hast du dich mit schlimmeren Sachen beschäftigt als mit Paarreimen. Vielleicht macht es sogar Spaß.«
    Vielleicht. Wenn er vorher ein paar Biere trinken durfte, dann würden sich diese blöden Gedichte vielleicht wirklich reimen. Er hörte schon die Klänge des kleinen Kammerorchesters, das im Erdgeschoss spielte. Die Musik der Streichinstrumente und das Murmeln der Gäste drang durch die dunklen, holzvertäfelten Wände des Schlafzimmers. Unwillkürlich schaute Kipper auf die Uhr. Es würde bestimmt noch sehr lange dauern, bis er sein erstes, wohlverdientes Bier zu sich nehmen durfte.
    »Mr. President, sind Sie bereit?«
    Barbara lächelte den Protokollchef an. »Oh, Allan, Sie wissen doch, dass er nie fertig wird. Aber ich habe das Beste draus gemacht. Gehen wir also nach unten.«
    Kipper hatte nicht bemerkt, dass jemand in der Tür aufgetaucht war, aber es überraschte ihn nicht. Er selbst hatte Allan Horbach, dem Protokollchef des Weißen Hauses, den Spitznamen Caspar gegeben, weil er ständig irgendwo herumspukte. Allerdings musste man zugeben, dass Kipper mehr Hilfestellung beim Einhalten des Protokolls benötigte als ein normaler Präsident.
    Barbara und Allan begannen eine verhaltene, aber lebhafte Konversation, als sie den Flur entlang zum Treppenhaus gingen. Die Hintergrundgeräusche schwollen immer mehr an, und Kipper schätzte, dass sich mindestens zweihundert Menschen dort unten im Vestibül des Dearborn House eingefunden hatten. In der Vergangenheit hatte er eine ganze Menge Formalitäten abgeschafft, die er als quälend empfand. Jetzt musste er wenigstens nicht mehr diesen beinahe unerträglichen Augenblick durchstehen, wenn
Allan sein Kommen ankündigte, als würde er die Gangway von einem Flugzeug hinuntersteigen. Trotzdem schauten alle auf, lächelten und winkten, als sie herunterkamen, und warfen ihnen erwartungsvolle Blicke zu.
    Und dann wurden sie in die Menge hineingestoßen. Es war, als würde man vom Ufer in einen schnell fließenden Fluss steigen und von den Wogen mitgerissen.
    Halb Seattle zwängte sich in den Musiksaal, der gleichzeitig auch der Salon des Dearborn House war. Kipper zuckte zusammen, als er Sandra Harvey, die Vorsitzende der Grünen, bemerkte, die gerade mit Miss Hughes, seiner Sekretärin, sprach. Er nahm sich vor, Annie zu ermahnen, sie solle in Zukunft dafür sorgen, dass er immer außer Haus war, wenn Sandra ihm ihre Aufwartung machen wollte. Auch seinen Stabschef Jed Culver entdeckte er in der Menge. Er unterhielt sich gerade mit Henry Cesky, einem erfolgreichen Bauunternehmer, und Kip fragte sich, was für ominöse Pläne die beiden mal wieder ausheckten. Dann war Allan auch schon wieder neben ihm und schob ihn freundlich mit dem Ellbogen auf die Botschafter von Großbritannien und Frankreich zu, die über irgendwelche Vorkommnisse in Guadeloupe stritten.
    Er war sich ziemlich sicher, dass es sich dabei um ein Land handelte und nicht um ein Tapas-Gericht, bezweifelte aber, ob er unbedingt an ihrer Unterhaltung teilnehmen sollte.
    »Mister President«, sagte Horbach, »wir müssen die Botschafter begrüßen, dann den Sprecher des Repräsentantenhauses, den

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