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Das verbotene Glück der anderen

Das verbotene Glück der anderen

Titel: Das verbotene Glück der anderen
Autoren: Manu Joseph
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schrieb er seinen berühmten Roman nie, sondern verblühte in einem Zustand sanften Glücks. Oder hat er sich diesen brillanten Roman etwa nie richtig zugetraut? Vor vielen Jahren, als Mariamma sich noch für ihn interessierte, hatte sie, während sie eine Briefmarke auf einen Umschlag klebte, zu ihm gesagt: «Starke Naturen schreiben schlechte Geschichten.» Warum kann er sich heute noch daran erinnern? Bezeichnete sie ihn als stark, oder handelte es sich um eine grausame Rezension seiner Kurzgeschichten?
    ~
    Ousep erklärt den Comiczeichnern: «Ich möchte gar nicht, dass ihr das Rätsel für mich löst», was natürlich gelogen ist. «Ich möchte, dass ihr mir erzählt, woran ihr euch erinnert. Ich möchte Unni Chacko besser kennenlernen, und sonst nichts.»
    Daraufhin sagt keiner ein Wort, und alle starren ihn an. So, als sei er ein verwundetes Gespenst. Doch nach und nach wird aus der Stille fröhliches Murmeln und sogar Gelächter. Während alledem tastet Ouseps Blick die Versammlung nach den Ruhigen ab, die vielleicht wissen, was er unbedingt erfahren möchte.
    «Sehr frühreif», sagt der Vorsitzende, ein großer Mann mit einem riesigen Wanst und buschigem Schnauzbart. «Unni war überhaupt nicht wie ein Siebzehnjähriger.» Der Mann ist etwa Ende dreißig, und Ousep kann sich nur schwer damit abfinden, dass sein Sohn solche Männer gekannt hat, erwachsene, dicke Männer. «Wissen Sie, Unni wollte sich nie mit dem konventionellen Superheld-Superbösewicht-Zeug abgeben», sagte der Mann. «Aber er hat eine Reihe mit Superhelden geschaffen. Erstaunliche Arbeit, einfach erstaunlich.»
    Wenn man diesem Mann Glauben schenkt, hatten Unnis Superhelden keinerlei nützliche Kräfte. Sie konnten nicht fliegen, hatten keine Muskeln und trugen nicht einmal enge Outfits, sondern Hemden und Hosen. Und sie hatten alberne Begabungen. Der Stylist beispielsweise konnte sich durch die bloße Bewegung der Kopfhaut die Haare kämmen. Der Hefter konnte durch bloße Berührung mit den Fingern alles zusammenheften. Diese Helden kämpften heroisch gegen ebenso lächerliche Schurken. Ousep hat die Reihe nicht gesehen, sie befindet sich nicht in der Sammlung, die er zu Hause hat. Vermutlich hatte Unni aus irgendeinem Grund manche Werke zerstört.
    «Ich erinnere mich an eine von Unnis Karikaturen», sagt einfreundlicher Junge, dessen Haut auf Wohlstand schließen lässt. «Dort sagt eine alte Frau zu ihrem alten Ehemann: ‹Lass uns heute in einem Restaurant zu Abend essen, und dann reden wir über dich, dich und dich.›» Wie eine kurze Brise zieht leises Lachen durch den Korridor.
    Während sich alle überlegen, was sie sagen möchten, wird es empfindlich still. Jemand fängt an zu kichern. Es ist ein schlanker, feminin wirkender Junge mit heiterem Gesicht. Er sagt: «Unni hatte ein ernstes Problem. Er hatte nämlich etwas gegen das Liebessymbol. Es sehe nicht aus wie ein Herz, sagte er, sondern wie ein roter Hintern.» Alles lacht, doch dann kommt es zu einer Diskussion. Manchen gefällt das Symbol, sie halten es für einen Geniestreich wie das sogenannte Smiley. Doch andere schlagen sich auf Unnis Seite und betrachten es als roten Hintern. Während die Diskussion in gutmütigen Tumult übergeht, steht der heitere Junge auf und droht an, sich die Hose herunterzuziehen, um den Beweis zu liefern. Alle versuchen, ihn davon abzuhalten. Ein paar Cartoonkünstler werfen Ousep nervöse Blicke zu, wohl, um zu sehen, ob sie mangelnden Respekt an den Tag gelegt haben oder vielleicht gefühllos gewesen sind. Daher behält Ousep sein unternehmungslustiges Lächeln bei. Der Junge beugt sich vor und hält seinen Hintern hoch. «Seht ihn euch mal aus dieser Perspektive an», sagt er und fährt mit seiner langen dünnen Hand über seinen Po. «Könnt ihr sehen, dass mein Hintern das Liebessymbol ist?»
    Während weiterdiskutiert wird, flüstert Ousep mit dem Vorsitzenden und fragt ihn, warum die beiden Mädchen nichts über Unni zu sagen haben. «Als die beiden Mitglieder wurden, kam Unni schon lange nicht mehr hierher», sagt der Vorsitzende. «Sie sind ihm nie begegnet, haben aber viel von ihm gehört. Jeder weiß, wer er ist. Wir reden oft über Unni.»
    Bisher sieht es so aus, als hätte kein einziges Mädchen in MadrasUnni gut gekannt. Zu schade für Unni, dass er jetzt nicht im überspannten Gedächtnis einer in ihn vernarrten jungen Frau weiterlebt.
    Unter den Vereinsmitgliedern ist ein junger Mann mit Vollbart, der sich bisher

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