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Das verbotene Glück der anderen

Das verbotene Glück der anderen

Titel: Das verbotene Glück der anderen
Autoren: Manu Joseph
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Bande: Alle fünf Jungen sind jetzt geachtete Männer, die abends zu ihren liebevollen, traditionellen Frauen und ihren zwei sie anbetenden Kindern nach Hause gehen.
    Als Sais Bus abgefahren ist, stehen nur noch eine junge Frau und ihre kleine Tochter an der Bushaltestelle. Von der Kurkumapaste, mit der sie sich am Abend zuvor eingerieben haben, um einen helleren Teint zu bekommen, sind ihre Gesichter ganz gelb. Die Tochter spielt ein Spiel, das sie sich ausgedacht hat: Sie schlägt der Mutter auf den Po und rennt dann kichernd weg, kommt zurück, gibt ihr noch einen Klaps und rennt wieder ein paar Schritte. Dann wiederholt sie das Ganze. Die Mutter blickt starr in die Richtung, aus der ihr Bus kommen muss. Ein Mann taucht auf und stellt sich hinter die Frau. Die Tochter hört mit ihrem Spiel auf und widmet sich einem Schokoladenpapierchen, das sie auf dem Boden gefunden hat. Der Mann tätschelt der Frau sanft den Po. Weil sie glaubt, es sei ihre Tochter, verzieht sie keine Miene. Der Mann tätschelt sie nochmals und sieht weg. Er tätschelt sie nun fast ununterbrochen und lässt die Hand schließlich auf ihr liegen. Ousep sieht staunend zu, ist aber nicht empört und hat auch keine große Meinung darüber. Eine Männerhand auf einem Frauenhintern, und die Frau, die jetzt gähnt, blickt gelangweilt in die Welt.
    Es ist ein Augenblick ohne Sinn und Bedeutung. So, als sei dasmüde Affentheater des menschlichen Lebens kollabiert – samt all seinem großartigen Streben, seiner Geschichte, seinen Wunden und tiefen Überzeugungen, so, als zeige sich die Welt plötzlich als ein Ort ohne Sinn und Zweck, der für seine Existenz keinerlei Sinnhypothese braucht.
    ~
    Wer sich in Gegenwart eines Schriftstellers befindet, selbst eines gescheiterten, wer von ihm gesehen und beiläufig gemustert wird und dann in seinem die Dinge verfälschenden Gedächtnis bleibt, hat Pech. Es geht ihm ähnlich wie einer auf der Straße liegenden Leiche, die durch einen Kriegsfotografen beleidigt wird. Ousep fragt sich, ob Cartoonkünstler Schriftsteller sind, und hofft, dass ihr Geist anders funktioniert. Eine ganze Reihe von ihnen steht jetzt bei ihm, und alle schauen ihn an. Was sehen sie? Einen Mann mit einem Journalisten-Kinnbart und silbergrauen Locken, die ihm ins Genick fallen. Zweifellos ein kreativer Typ wie sie. Oder sehen sie noch etwas anderes? Vielleicht einen Mann, im hellen Schein des Scheiterns, einen tragischen Vater, der immer noch das Leben seines Sohnes zu ergründen versucht? Soll er etwa leicht gebeugt gehen und feuchte Augen zur Schau stellen, schwach und hilflos wirken, damit sie weniger auf ihre Worte achten?
    Der Amateur-Comiczeichner-Verein tagt einmal im Monat im Madras-Christian-College in einem langen Korridor, von dem er nur ein Stückchen beansprucht. Das Ende dieses sonnenbeschienenen Korridors umrahmt ein paar alte Bäume, die so tun, als verberge sich in ihrer Dunkelheit dichter Wald. Normalerweise kommen höchstens zwanzig Comiczeichner zu den Versammlungen, doch heute sind es mindestens fünfzig jeden Alters, weilsich herumgesprochen hat, dass Unni Chackos Vater sie treffen will. Sie sitzen alle im Halbkreis auf dem Boden, und Ousep sitzt ebenfalls dort. Den Klappstuhl, den man ihm angeboten hat, hat er abgelehnt. In dem Grüppchen befinden sich fünf tupfengleiche, kahle, buddhistische Mönche, die wie Riesenbabys aussehen, und gerade einmal zwei Mädchen in Jeans und T-Shirts. Die beiden begutachten die anderen mit dem amüsierten Blick einer Nachrichtensprecherin, die mit dem politischen Teil fertig ist und nun bekannt geben will, dass die Löwin im Vandalur Zoo vier gesunde Junge zur Welt gebracht hat.
    Bis vor ein paar Tagen wusste Ousep nicht, dass sein Sohn in der Cartoonistengruppe war. Jemand hatte es beiläufig erwähnt. Obwohl Unni nur ein paar Monate Mitglied und einer der Jüngsten war, die je aufgenommen wurden, erinnert man sich hier auf eine Art und Weise an ihn, die zeigt, dass er wichtig war. Als Ousep zu der Versammlung kam, standen alle auf und klatschten. Nach all dem Theater, als Ousep nicht mehr freundlich nicken musste, stellte ihn der Vereinsvorsitzende förmlich als ‹Chefreporter der United News of India› vor.
    Das ließ sich zwar nicht leugnen, erinnerte Ousep aber daran, dass er nie als der berühmteste Schriftsteller vorgestellt werden würde, den Kerala je hervorgebracht hat. Als er jung war, hatten alle gesagt, dies sei sein Schicksal. Doch die Jahre vergingen, und irgendwie

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