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Das Teufelslabyrinth

Das Teufelslabyrinth

Titel: Das Teufelslabyrinth
Autoren: John Saul
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Prolog
    Spanien 1975

    Der ältere Junge gab dem jüngeren einen aufmunternden Klaps auf den Rücken. »Und, bist du bereit, Paquito ?«
    Der Jüngere schluckte seine Tränen hinunter und nickte tapfer, wollte seinen Bruder nicht merken lassen, wie traurig er war. Er wich seinem Blick aus und starrte statt-dessen den Pappkarton in seinen Händen an, den er so fest umklammerte, dass sich die Seitenteile bereits nach innen bogen.
    »Na, dann mal los.« Der ältere Junge trug eine rostige Schaufel über der Schulter, die er aus dem alten Gartenhaus hinter dem ehemaligen Stall mitgenommen hatte, den ihre Eltern zu einer kleinen Ferienwohnung umgebaut hatten und jetzt an Americanos vermieteten. Er ging voraus durch den überwucherten Garten zu einer Stelle zwischen drei Palmen, die bisher von dem dichten Gestrüpp verschont geblieben war, das überall sonst schneller nachzuwachsen schien, als es die beiden Brüder zurückschneiden konnten. »Hier, okay?«
    Der kleinere Junge sah sich die vorgeschlagene Stelle genau an, doch dann wanderte sein Blick zu der kleinen Grotte, die kaum sichtbar im hintersten Winkel des Gartens im Schatten der hohen Bäume stand. »Nein«, meinte
er dann leise, aber bestimmt. »Dort hinten. Neben der Heiligen Jungfrau.«
    Der Ältere der beiden seufzte, marschierte dann aber weiter auf die Marienstatuette zu. Als er sich umschaute, sah er ihre Mutter in der Tür stehen, ein rotes Tuch um das schwer zu bändigende Haar geschlungen und einen Putzlappen in der Hand. Im ersten Moment dachte er, sie würde ihnen etwas zurufen, doch sie zuckte nur mit den Achseln und machte sich wieder an ihre Arbeit, noch ehe er die Schaufel in die Erde gerammt und den ersten Erdklumpen herausgehebelt hatte. »Gute Idee«, befand er. »Die Heilige Jungfrau wird Pepe beschützen.«
    »Meinst du, ich hätte ihn in einen sudario wickeln sollen?«, fragte der kleinere Junge besorgt.
    »Quatsch, Leichentücher nimmt man nur bei Menschen«, erklärte ihm sein Bruder.
    Ohne richtig hinzuhören, öffnete der Jüngere den Karton und betrachtete noch einmal den leblosen Körper des Iguanas darin, der seit über drei Jahren sein Haustier gewesen war. Praktisch, so lange er denken konnte.
    Mit zitternden Fingern streichelte er die weiche Haut an Pepes Bein, die sich völlig anders anfühlte als noch am Tag zuvor.
    Ja, Pepe fühlte sich … tot an.
    Aber das war nicht schlimm. Jesus würde sich um Pepe kümmern, er kümmerte sich um alle Lebewesen, sagten die Nonnen. Na ja, vielleicht doch nicht, weil die Nonnen auch behaupteten, dass Jesus sich nur um Katholiken kümmerte. Alle anderen würden zur … Hölle fahren.
    Er brachte es kaum über sich, das Wort auszusprechen, nicht einmal in Gedanken, und spürte plötzlich, wie ihn eine Hitze durchfuhr, die noch sengender war als die spanische Sonne an diesem Nachmittag.

    Und dann, gerade als er den Deckel wieder auf den alten Schuhkarton drückte, der als Pepes Sarg diente, stieß sein Bruder mit der Schaufel auf etwas Hartes.
    Ein Stein, dachte er zunächst, aber es war kein Stein, wie er gleich feststellte.
    Es war etwas anderes. Etwas Metallenes.
    Der ältere Junge kniete sich hin.
    Der Jüngere stellte den Schuhkarton mit dem Iguana im schützenden Schatten der Gartenmauer ab und beobachtete gespannt, wie sein Bruder mit den Händen in der Erde wühlte und kurz darauf eine verrostete Metallkassette ausgrub, auf der ein Kreuz eingraviert war.
    »Die ist für mich«, flüsterte er. »Ein Geschenk der Heiligen Jungfrau Maria, weil ich ihr Pepe anvertraue.«
    Der Ältere lächelte seinen kleinen Bruder an. »Weißt du was?«, sagte er und bemerkte, dass dessen Tränen endlich versiegt waren. »Ich glaube, du könntest Recht haben!« Während er mit der Hand die Erde von der Kassette fegte, warf er schnell noch einen Blick hinüber zum Haus, um sich zu vergewissern, dass ihre Mutter sie nicht beobachtete, ehe er den kostbaren Fund behutsam neben dem Erdloch abstellte. »Nimm Pepe aus dem Karton.«
    »Aus dem Karton?«, wiederholte der kleinere Junge überrascht.
    »Ja, mach schnell, bevor Mama kommt.«
    Mit skeptisch gerunzelter Stirn hob der Kleine seinen geliebten Pepe aus dem Schuhkarton und bettete ihn behutsam in das Grab, das sein Bruder für ihn ausgehoben hatte, während dieser die Kassette in den Karton packte und den Deckel schloss.
    Dann legte er die Hände zum Gebet aneinander und senkte den Kopf. »Santa Maria«, flüsterte er, »beschütze unseren lieben Freund.«

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