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Das Tal der Hundertjährigen

Titel: Das Tal der Hundertjährigen
Autoren: Ricardo Coler
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    In Vilcabamba ticken die Uhren anders. Nicht nur, dass die Menschen dort einhundertzehn, einhundertzwanzig oder gar noch älter
     werden, sie erfreuen sich zudem einer beneidenswerten Gesundheit. Dabei verhallen medizinische Ratschläge meist ungehört,
     vielmehr lassen die Bewohner des Dorfes eine gewisse Neigung zum Exzess erkennen: Es wird geraucht und gezecht, was das Zeug
     hält. Und trotzdem: In einem Alter, in dem unsereiner bereits deutliche Anzeichen von Verfall zeigt, bereitet man sich in
     Vilcabamba frohen Mutes auf die nächsten vierzig Jahre vor. Mit einhundertzwanzig versorgen sich die Menschen immer noch selbst.
     Wie sie das machen? Das ist das Geheimnis dieses Tals.
    Die einen glauben, es sei die gute Luft, die anderen tippen auf das Wasser, die meisten halten eine ausgewogene Ernährung
     für des Rätsels Lösung. Allerdings martert sich in Vilcabamba niemand, um fit und gesund zu sein. Sich selbst kasteien oder
     auf |9| etwas verzichten für ein längeres Leben? Nicht in diesen Breiten.
    Ich habe ein Ticket nach Quito und für den Anschlussflug in die Provinz Loja gebucht – der Weg in das heilige Tal ist weit.
     Dort werde ich in einer Art New-Age-Tempel im Herzen des Dorfes Quartier beziehen, um mir aus nächster Nähe ein Bild davon
     machen zu können, was uns erwartet, wenn der medizinische Fortschritt es uns eines Tages ermöglicht, ein so biblisches Alter
     zu erreichen wie die Einwohner von Vilcabamba.
    Internationalen Erhebungen zufolge ist im Fürstentum Andorra und auf der japanischen Insel Okinawa die Lebenserwartung am
     höchsten – Orte, wo die Wirtschaft floriert und man einen geruhsamen Lebensstil pflegt. Doch diese Statistik wird in Vilcabamba
     locker überboten. Es gibt hier zehn Mal mehr Hundertjährige als irgendwo sonst auf der Welt. Und das, obwohl die Menschen
     bei geringen Einkünften ihr Leben lang hart arbeiten müssen und die hygienischen Verhältnisse katastrophal sind.
    Ich werde die Reise nach Vilcabamba freilich nur dann antreten, wenn es der Gesundheitszustand meines Vaters erlaubt. Vielleicht
     bekomme ich heute, morgen oder in den nächsten Tagen einen Anruf, dass es ihm wieder schlechter geht und man |10| damit rechnet, dass es bald zu Ende geht. Wie so oft werde ich bis zum letzten Moment nicht wissen, ob ich tatsächlich aufbrechen
     kann. Ein Klassiker. Ich richte mich in allem nach dem Befinden meines Vaters, selbst wenn es sich um eine Verabredung am
     Samstagabend handelt.
    Mein Vater ist schon seit langem schwerkrank. Er hat unzählige Krankenhausaufenthalte hinter sich, Stunden und Tage auf der
     Intensivstation, Herz- und Hirninfarkte, Nierenversagen. Und manchmal denke ich: Es ist unglaublich, mein Vater muss unsterblich
     sein.

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    Was mag das wohl für ein Gefühl sein, wenn man mit siebzig noch ein Drittel des Lebens vor sich hat? Bis vor einiger Zeit
     galt man in dem Alter schon als Greis – heutzutage wäre das eine Beleidigung. Die Medizin dehnt die Grenze des Lebens immer
     weiter nach oben aus, und schon bald wird es möglich sein, mit achtzig noch zu arbeiten oder noch einmal zu studieren, abends
     auszugehen und jemanden zu verführen, ohne sich lächerlich zu machen; vor allem bliebe einem die Zeit, begangene Fehler wiedergutzumachen.
    Im Mittelalter wurde man im Durchschnitt vierzig Jahre alt, mit fünfunddreißig gehörte man bereits zum alten Eisen. In einem
     Alter, in dem heute so mancher Nesthocker anfängt, darüber nachzugrübeln, ob er allmählich erwachsen werden und das Hotel
     Mama verlassen soll, ist man früher an der Spitze eines Heeres ausgezogen, um Europa zu erobern, und hat Geschichte geschrieben.
    Alexander der Große bestieg mit zwanzig den |12| Thron, der argentinische Freiheitskämpfer José de San Martín focht 1813 mit fünfunddreißig die Schlacht von San Lorenzo. Kolumbus
     und Napoleon starben mit etwa fünfzig, ebenso Shakespeare. Je kürzer das Leben, desto jünger die Protagonisten. Vielleicht
     ist das eine Erklärung, warum man die Liebe zwischen Romeo und Julia so ernst nahm, obwohl beide – aus heutigem Blickwinkel
     betrachtet – noch Teenager waren. Mozart wurde mit fünfunddreißig, Schubert sogar schon mit einunddreißig dahingerafft. Wären
     sie und all die anderen jung verstorbenen Künstler, Wissenschaftler, Politiker und Denker in den Genuss des medizinischen
     Fortschritts gekommen, hätten sie womöglich das siebzigste Lebensjahr erreicht und die

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