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Das spanische Medaillon

Das spanische Medaillon

Titel: Das spanische Medaillon
Autoren: Tom Wolf
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    Jérôme und ich waren froh, die Arbeiterfamilien unserer optischen Fabrik nicht im Stich gelassen zu haben und im Land geblieben zu sein, wo Königin und König schon das Heil in der Flucht gesucht hatten. Gegen Endes des Jahres 1808, genauer: am 3. Dezember, überreichte Graf Saint-Hilaire, der Ortskommandant von Berlin, dem Prinzen Ferdinand von Preußen die Stadtschlüssel. Nachdem er tags darauf abgereist war, blieben auch wir Brandenburger wieder weitgehend uns selbst überlassen. Napoleon hatte seine Leute nun überall nötiger: Krieg mit Portugal, Krieg mit Spanien und Krieg mit England. Er war dick und inzwischen sehr alt geworden, wie mir meine Freundin Leopoldine von Blüthen erzählte, die ihn in Erfurt beim Treffen mit Zar Alexander gesehen hatte und mit ihrem Versuch, ihn zu erdolchen, leider an der eigenen Courage gescheitert war. Edwin, ihr Mann, seinerzeit Adjutant des Prinzen Wilhelm, diente jetzt im Corps des Schwarzen Herzogs, der sich nach dem Tod seines Vaters durch Napoleons Schergen entmachtet und verfolgt sah. Mit einem selbst finanzierten Freicorps war der Herzog aus Böhmen anmarschiert und im sächsischen Halberstadt eingedrungen, wo ihm ein komplettes westfälisches Infanterieregiment zum Opfer fiel. Edwin hatte dieses Gefecht – und auch das folgende bei Ölper – lebend überstanden und seiner Leopoldine, die bei Freunden nur Leo hieß, zuletzt aus London geschrieben.
    »Er sagt, dass es jetzt nach Spanien gehe«, sagte sie, als wir sie Mitte Juli 1809 im idyllischen Dörfchen Knoblauch besuchten, das mit der Kutsche eine Stunde von Kanzow entfernt liegt. Die Nächte waren so warm wie die Tage und die Fledermäuse jagten einander des Nachts bei Vollmond über den Giebel des Gutshauses, neben dem uralten slawischen Burgwall, dass man meinen konnte, es seien mittägliche Schwalben.
    » The King’s German Legion brauche Unterstützung, schreibt er«, sagte Leo, »und der Herzog könne sich kaum mehr zurückhalten, seine Männer sofort auf die Pyrenäenhalbinsel einzuschiffen. Manchmal glaube ich gar nicht mehr, verheiratet zu sein, sondern Briefe mit einem Geist zu wechseln ... Wird denn das jemals aufhören? Werden wir hier unsere Kinder gemeinsam Fangen spielen sehen? Oder werden sie bereits aus dem Haus sein, wenn er zurückkehrt?«
    Ihre beiden Kleinen, Georg und Christine, konnten nicht schlafen bei der Hitze und durften daher noch immer im üppigen Dunkel des herrlichen Gartens herumtollen. Sie ahnten noch nichts von der schrecklichen Welt da draußen hinter den Feldsteinmauern des Guts ... Leo unterdrückte nur schwer die Tränen, während sie dem ausgelassenen Spiel im umhegten Zwielicht zusah. Ich umarmte sie sanft und flüsterte ihr ins Ohr:
    »Ich habe eine Idee, wie wir uns die Zeit vertreiben können! Verrate ich dir aber erst, wenn du wieder mal in Kanzow bist.«
    Auf der Rückfahrt nach Kanzow, um eins in der Nacht war es, gestand ich Jérôme:
    »Ich wollte Leo nicht direkt fragen. Du weißt, wie ich es verabscheue, eingestehen zu müssen, etwas nicht zu wissen ... Sag, was ist The King’s German Legion ?«
    Jérôme lächelte sein allwissendes Lächeln, das mit erschreckender Regelmäßigkeit mein an sich kühles Blut in Wallung bringt.
    »Erinnerst du dich, meine Liebe, an den scheuen, unbeholfenen Klotz, der um Prinzessin Louis anhielt?«
    Ich erinnerte mich durchaus. In Paretz – durch welches wir just kutschierten – war Prinz Adolph Friedrich, Herzog zu Cambridge, zu Gast gewesen und hatte vergeblich um Luises glücklose Schwester Friederike geworben. Jérôme fuhr fort:
    »Er wurde von seinem Vater, Georg III., dem englischen König, zum Oberbefehlshaber dieser Truppe ernannt. Sie heißt Des Königs deutsche Heerschar , weil sie die ehemals kurhannoverschen Soldaten aufgefangen hat, die nach der Elbkonvention entlassen worden sind. Es sind rund 28000 deutsche Krieger, die für den englischen König gegen Napoleon kämpfen, der sie aus Kurhannover vertrieben hat. Sie sind überall im Einsatz, wo es brenzlig ist. Oberkommandierender vor Ort ist Generallieutenant Sir Arthur Wellesley, der erste Duke of Wellington. Wenn ich mich richtig erinnere, war es John Murray, der The King’s German Legion zuletzt bei der zweiten Schlacht von Porto führte.«
    Mein guter Jérôme – damals lief er mit seinen 57 Jahren Gefahr, sich Onkel Toby aus Sternes Tristram Shandy unangenehm anzuähneln, wenn er von all den fernen Schlachten erzählte, die er nur aus den Zeitungen

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