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Das Regenmaedchen

Das Regenmaedchen

Titel: Das Regenmaedchen
Autoren: Gabi Kreslehner
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Gabi Kreslehner
     
    Das Regenmädchen
     
    Kriminalroman
     
     
    Sie taumelte auf die A9 Richtung Berlin im Morgengrauen,
durch das der Nebel stieg. Sie war taub für die Gefahr, die herandonnerte mit
Quietschen und Heulen, blind für das grelle Licht, das sich durch die
Dunkelheit schnitt und ihr Kleid noch einmal zum Leuchten brachte, zum Glimmen
und Funkeln, ehe es im Schmutz der Straße und des Regens endgültig verglühte.
    Ihr Körper hatte sich im Ahnen des Morgens umgewandt, dem
Himmel zu, ihr Blick war groß geworden. Im Augenblick des Fliegens hatte sie
geschrien, hinein in die Weite des Himmels, ungehört jedoch auf der Fahrbahn
Richtung Berlin an jenem Morgen, der für sie nicht mehr begann.
    Als das Auto sich einschleifte nach dem Zusammenstoß, als
es nach wildem Schlingern endlich zur Ruhe kam, war sie bereits tot, verstorben
an ihrem Traum Richtung Berlin.
    Zu spät alle Hilfe, zu spät für das Mädchen, dessen Namen
noch keiner wusste, das mitten auf der Fahrbahn lag, ein Gespenst im nieseligen
Regen, zerbrochen, still.
     
    Er lehnte an der Seite seines BMWs, vornübergebeugt, sein
Herz raste. Er war kurz davor, sich zu übergeben, aus sich herauszuspucken, was
geschehen war, gleichzeitig aber wusste er, es würde nicht funktionieren, es würde
bleiben in ihm und bei ihm sein Leben lang.
    Sein Körper schlotterte, er wünschte sich zurück in die
kuschelige Wohnung seiner Freundin, in ihre tröstenden Arme, in einen Traum.
Hier gehörte er nicht her, nicht in diesen Morgen, nicht in diesen schlotternden
Körper, nicht auf diese Autobahn.
    Plötzlich war sie da gewesen, im Bruchteil einer Sekunde
hatte er ihre Augen gesehen und wie sich ihr Mund öffnete zum Schrei. Dumpf war
der Aufprall, doch laut genug, dass er für alle Zukunft in seinen Ohren nachhallen
würde. Dann war sie durch die Luft geflogen, über das Auto hinweg, seltsam
leicht, eine Schlenkerpuppe, meterweit.
    Wo sie aufprallte, sah er nicht, er hatte zu tun, den
Wagen wieder auf Spur zu bekommen, sein Schlingern zu stoppen. Nun dröhnte
Musik durch die offene Autotür in beängstigender Lautstärke, Aida und Radames
sangen sich ihrem Tod entgegen, ein letztes Stück Vertrautheit, das ihn im
Leben hielt, wie es vorher gewesen war.
    Doch plötzlich stoppte die Musik, jemand rüttelte ihn an
den Schultern.
    »Kommen Sie zu sich, Mann!«
    Er schaute hoch, da stand einer neben ihm und blickte ihm
eindringlich ins Gesicht. »Was ist passiert?«
    Er begann den Kopf zu schütteln, langsam, betäubt. »Ich
weiß nicht«, sagte er. »Ich weiß nicht. Sie ist plötzlich da gewesen. Wie aus
dem Nichts. Ein Gespenst.«
    Der Mann schüttelte den Kopf und ging weg.
    Wie aus dem Nichts. Ja. So war das gewesen. Wie aus dem
Nichts. Ein Gespenst, und er ahnte, er würde das nun oft sagen, wie aus dem
Nichts, ein Gespenst. Langsam begann er sich wieder zu bewegen, kroch zurück
ins Auto, schloss behutsam die Tür hinter sich, schaltete die Musik wieder ein.
Aida, dachte er, sing für mich, sing mich in mein Leben zurück. Er schloss die
Augen, lehnte seinen Kopf an die Stütze. Allmählich kam die Ruhe.
     
    Bevor sie das Handy wieder einschaltete, taten sie es noch
einmal im Stehen.
    Brauchten nicht viele Worte. Brauchten nie viele Worte.
Taten es ausführlich und genau und ihr Schweigen war ihr Bett, ihr Schweigen
war das Weiche, das Zarte. Sonst. Nichts.
    Später sagte sie: »Dein Rücken schmeckt nach Portugal.« Er
lachte.
    »Ja«, sagte sie. »Nach Portugal, nach Salz, nach Atlantik.
Da musst du gar nicht lachen.«
    »Ich weiß«, sagte er und lachte. »Ebbe, Flut, Wind, Sonne.
Das sagst du immer.«
    Im Bad waren sie still. Obwohl sie das nicht leiden
konnte, schaute er ihr beim Duschen zu.
    Dann klingelte ihr Handy. Er reichte es ihr, sie drehte
das Wasser ab. Es war Felix, er klang aufgeregt. Wahrscheinlich verstimmt.
    »Franza, zum Teufel, endlich! Warum erreiche ich dich
nicht? Was treibst du? Ich rufe dich seit einer Viertelstunde an! Wir haben
eine Tote auf der A9. Kommst du endlich? Es ist halb zehn!«
    Sie nickte ohne schlechtes Gewissen. »Ja«, sagte sie,
dachte, Viertelstunde, was ist das schon? »Schon gut, beruhige dich, ich komme.
Zwanzig Minuten. Wartest du auf mich?«
    Sie hatte eine Pause gebraucht, ganz plötzlich, ganz
intensiv, eine Pause vom Tod, vom Dreck, vom Bodensatz, war das nicht legitim?
Also hatte sie an der roten Ampel das Handy ausgeschaltet und war abgebogen, am
Theater vorbei und zu ihm, zu Portugal, zu Port.
    Sie

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