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Das Niebelungenlied

Das Niebelungenlied

Titel: Das Niebelungenlied
Autoren: Manfred Bierwisch
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1.
    In alten Berichten wird uns Erstaunliches erzählt von berühmten Helden, von großer Not und Bedrängnis, von Festen und geselligen Freuden, von Weinen und Klagen. Ihr werdet Unerhörtes vernehmen von den Taten kühner Rekken.
    In Burgund wuchs einst ein Mädchen auf, wie es lieblicher kaum eins gab auf der ganzen Welt; das hieß Kriemhilt. Später wurde sie eine schöne Frau, für die viele Männer sterben mußten. Dem reizenden Mädchen stand die Liebe wohl an. Kühne Krieger begehrten sie, und niemand konnte ihr übel gesinnt sein. Unvergleichbar war ihre Schönheit, und der vornehme Sinn dieser Jungfrau wäre auch für andere Frauen eine Zierde.
    Sie hatte drei Könige zu Brüdern: Gunther und Gêrnôt und Gîselher, die angesehene Kämpfer waren. Sie sorgten für ihre Schwester. Sie waren freigebig, aus edlem Geschlecht und sehr kühn. Ihr Land hieß das Burgundenreich. Sie haben später in Etzels Land wie die Löwen gekämpft. Sie regierten zu Worms am Rhein, und eine stolze Ritterschaft leistete ihnen Lehensdienste, bis sie jämmerlich umkamen durch den Haß zweier Herrscherinnen. Ihre Mutter war die mächtige Königin Uote; ihr Vater Dancrât, der ihnen bei seinem Tode sein Erbe hinterlassen hatte, war ein sehr tapferer Mann, der sich schon in seiner Jugend großes Ansehen erworben hatte.
    Die drei Könige, sage ich, waren furchtlos und stark. Ihnen dienten auch die besten Kämpfer, von denen man je hat reden hören. Ihre Tapferkeit war gefürchtet, und sie verloren den Mut nicht in den härtesten Kämpfen. Das warenHagen von Tronege und sein Bruder, Dancwart, und Ortwîn von Metz, die beiden Markgrafen Gêre und Eckewart, und Volkêr von Alzey. Rûmolt war der Küchenmeister, Sindolt und Hûnolt besorgten die Hofhaltung, wie sie dem Ansehen der drei Könige zukam. Sie hatten noch manchen rühmenswerten Mann, dessen Namen ich nicht mehr weiß. Dancwart war der Stallmeister, sein Neffe Ortwîn von Metz trug den Herren die Speisen auf, und Sindolt war ihr Mundschenk, Hûnolt verwaltete die Wirtschaft und das Vermögen, und alle waren geehrt durch ihr Amt. Von der Bedeutung des Hofes und seiner ausgedehnten Macht, von der hohen Würde und ritterlichen Weise, in der die Vasallen freudig ihr Leben zubrachten, kann man wirklich nicht genug erzählen. Hier träumte Kriemhilt, sie zöge sich einen Falken heran, stark, schön und wild, und zwei Adler zerrissen ihn ihr. Daß sie das sehen mußte, war das schlimmste Leid, das ihr auf der Welt geschehen konnte. Sie erzählte den Traum ihrer Mutter, die ihn nur so auslegen konnte: »Der Falke, den du dir abrichtest, das ist ein vortrefflicher Mann. Du wirst ihn bald wieder verloren haben, wenn nicht Gott ihn behütet.«
    »Liebe Mutter, was redet Ihr von einem Mann? Ich will immer ohne die Liebe eines Mannes leben, denn ich will nie um ihretwegen leiden müssen. So will ich angenehm leben bis an meinen Tod.«
    »Bestreite es nicht zu sehr«, sagte ihre Mutter da. »Wenn du von Herzen froh werden willst in der Welt, dann nur durch die Liebe. Erst dann wirst du eine schöne Frau, wenn Gott dir einen rechtschaffenen Ritter gibt.«
    »Das mag ich nicht hören«, sagte Kriemhilt. »Es ist so oft an mancher Frau offenbar geworden, daß die Freude zuletzt im Leid endet. Ich will das eine wie das andere meiden, so kann es mir nie schlecht ergehen.«
    So wollte Kriemhilt auf die Liebe ganz verzichten. Lange Zeit wußte sie niemanden, den sie hätte lieben mögen. Aber später wurde sie die Frau eines furchtlosen Mannes. Das war derselbe Falke, den sie im Traum gesehen hatte nach der Deutung ihrer Mutter. Wie furchtbar sie sich rächte an ihren nächsten Verwandten, die ihn am Ende erschlugen! Und allein wegen seines Todes starben vieler Mütter Söhne.

2 . VON SÎFRIT
    Unten in den Niederlanden wuchs zur gleichen Zeit in einer weithin bekannten Stadt, in Xanten am Rhein, der Sohn des Königs Sigemunt und der Königin Sigelint auf: Er hieß Sîfrit. Mit Mut und Kraft zog er durch zahlreiche Länder und nahm mit vielen Mächtigen den Kampf auf. Und was für kühne Männer sollte er erst in Burgund finden!
    Schon in seiner Jugend stand er in hohem Ansehn, und man sprach von seiner Schönheit. Die schönsten Frauen fanden ihn liebenswert. Man erzog ihn sorgfältig, wie es ihm zukam. Aber wieviel lernte er auch aus eigenem Antrieb. Er brachte seinem Vaterlande Ruhm, denn man fand ihn in allen Stücken vornehm und stattlich. Als er so alt war, daß er in die höfische Gesellschaft

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