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Das Matrazenhaus

Das Matrazenhaus

Titel: Das Matrazenhaus
Autoren: Paulus Hochgatterer
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Wie es gewesen sein muss
    Der Wind ist da. Die Pelikane schnellen hoch wie an Gummibändern, blöken auf, stoßen mit angewinkelten Schwingen steil nach unten und durchschlagen die Wasseroberfläche. Wenn sie nach einer Weile an anderer Stelle wieder auftauchen, recken sie ihre Schnäbel, schütteln die Kehlsäcke und befördern, was drin ist, in den Schlund. Dann machen sie sich zu einem neuen Start bereit. Der Schwarm, vielleicht zweihundert Tiere, fällt in der Luft weit auseinander, so, als würde er sich ganz auflösen, um sich Augenblicke später zu einer dunklen Wolke zu verdichten. Das wiederholt sich hunderte Male. Bei ablandiger Luft halten sich die Vögel regelmäßig über dem Strandabschnitt auf, der sich zwischen den Verladedocks des Hafens und der langen grauen Halle der Schienenfabrik hinzieht.
    Die Frau mag die Tiere nicht. Sie sind laut, und wenn man ihnen nahe kommt, stinken sie. Sie rückt mit einer kurzen kreisenden Bewegung der Schulter den gelben Stoffsack auf ihrem Rücken zurecht, fasst im Gehen seitlich nach unten, hebt das Mädchen, das die ganze Zeit neben ihr hergelaufen ist, hoch und setzt es sich auf die linke Hüfte. Die Kleine hält kurz inne, dann beginnt sie glucksend zu lachen und mit den Armen zu rudern. Sie zeigt auf ein Distelgebüsch, durch das ein Neuntöterpärchen hüpft, auf einen Bretterverschlag mit aufgemalten Gesichtern und auf einen alten Mann, der in einem Plastikstuhl sitzt und schläft. Die Frau spricht immer wieder einige Sätze, mittellaut und mit einer gewissen Eindringlichkeit, so, als erzähle sie kurze ernste Geschichten. Das Mädchen brabbelt dazwischen. Manchmal scheint es aufmerksam zu sein, manchmal nicht. Bevor die Frau beginnt, in einer steilen Schräge den Abhang zur Straße hochzuklettern, schließt sie den Arm fest um den Leib des Kindes, weist mit dem Kopf gegen den Himmel und sagt etwas, das »Jetzt musst du ruhig halten« bedeuten mag. Das Mädchen legt die Arme vor den Körper und den Kopf gegen die Brust der Frau.
    Der Wind treibt ockergelbe Staubwirbel über die Fahrbahn. Die Autos scheren in einiger Entfernung nach rechts aus, um an einer Herde von Ziegen vorbeizufahren. Ein LKW, der mit Gemüsekisten beladen ist, hupt laut. Die Ziegen kümmert das gar nicht. Der Mann, der die Tiere begleitet, trägt eine Augenklappe. Er hat zwei lange Bambusstöcke auf seiner Schulter liegen.
    Das Mädchen greift nach oben, an den Ausschnittrand der Bluse der Frau, und beginnt ihn zwischen den Fingern zu drehen. Die Frau schüttelt sich unwillig. Als das Mädchen keine Anstalten macht, aufzuhören, stellt sie es auf den Boden. Die beiden gehen eine Weile hinter der Ziegenherde her, dann biegen sie in eine breite Straße ein, die von Plakatwänden gesäumt ist. Das Mädchen weist mit ausgestrecktem Arm auf eine Mobiltelefon-Reklame; die Frau sagt etwas und lacht. Das Mädchen ist verlegen, bückt sich, hebt eine Getränkekapsel auf und wirft sie wieder von sich. Die Frau blickt dem davonspringenden orangefarbenen Ding nach. Dabei nimmt sie aus dem Augenwinkel wahr, dass sich über die Hügel hinter der Stadt eine mächtige Wolkenwalze schiebt. Sie fasst das Mädchen an der Hand und beschleunigt ihren Schritt.
    Nach der Zufahrt zu den Wellblechhallen einer Spedition, unmittelbar im Anschluss an eine Reihe frisch gestrichener Wohnhäuser, gelangen die beiden auf den rechteckigen Vorplatz eines fahnengeschmückten Gebäudes. Auf den unteren Stufen der Freitreppe, die im Bogen zum Eingang emporführt, hockt eine Traube von Menschen. Vor ihnen geht mit ausladenden Gesten ein Mann auf und ab. Seitlich, senkrecht zur Treppe, hat er nebeneinander drei Korbbehälter hingestellt, einen länglichen, quaderförmigen und zwei runde. Das Mädchen jubelt auf, löst sich von der Frau und will auf die Menschen zulaufen. Die Frau packt das Kind an der Schulter und hält es zurück. Das Mädchen protestiert laut und versucht sich dem Griff zu entwinden. Es beruhigt sich erst, als die Frau es hochhebt und mit ihm an die Gruppe herantritt. Der Mann, klein, mager, mit einem abnorm großen Kopf, erblickt das Mädchen und hebt einen Finger. Das Mädchen versucht sein Gesicht am Hals der Frau zu verbergen; die Frau spricht beschwichtigend auf das Kind ein und zeigt abwechselnd auf den Mann und die drei Körbe. Der Mann hebt den Deckel eines der runden Körbe hoch, langt hinein und holt eine vielleicht dreißig Zentimeter lange Schlange heraus. Er fasst das Tier mit Daumen und

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