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Das Licht zwischen den Meeren: Roman (German Edition)

Das Licht zwischen den Meeren: Roman (German Edition)

Titel: Das Licht zwischen den Meeren: Roman (German Edition)
Autoren: M. L. Stedman
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27. April 1926
    An dem Tag, als das Wunder geschah, kniete Isabel gerade an der Kante der Klippe und pflegte das neue Grab mit dem kleinen aus Treibholz gezimmerten Kreuz. Eine einsame dicke Wolke zog langsam über den Spätaprilhimmel, der sich wie ein Spiegelbild des Ozeans über die Insel spannte. Isabel glättete die Erde rings um den gerade gepflanzten Rosmarinbusch und goss ihn.
    »… und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel«, flüsterte sie.
    Einen Moment lang gaukelte ihr Verstand ihr vor, sie habe das Schreien eines Kindes gehört, doch sie tat das als Sinnestäuschung ab. Stattdessen blickte sie hinüber zu dem Schwarm Wale, die sich auf die Küste zubewegten, um dort im wärmeren Wasser ihre Jungen zu werfen. Wenn die Tiere hin und wieder auftauchten, durchbohrten ihre Schwanzflossen das Wasser wie Nadeln eine Stickerei. Wieder hörte Isabel Geschrei, diesmal lauter, das von der frühmorgendlichen Brise herangetragen wurde. Das konnte nicht sein.
    Auf dieser Seite der Insel erstreckte sich eine gewaltige Leere bis nach Afrika, denn hier traf der Indische Ozean mit dem Südpolarmeer zusammen und verband sich mit ihm zu einem endlosen Teppich am Fuße der Klippen. An Tagen wie diesem erschien er Isabel so solide, dass sie fast glaubte, über die blaue Fläche zu Fuß bis nach Madagaskar gehen zu können. Die andere Seite der Insel blickte missmutig hinüber zum etwa hundertfünfzig Kilometer entfernten australischen Festland; sie gehörte nicht wirklich dazu, war jedoch auch nicht davon unabhängig, sondern nur der höchste in einer Reihe von Unterwasserbergen, die wie Zähne in einem schartigen Kiefer aus dem Meeresgrund ragten und nur darauf warteten, ahnungslosen Schiffen in der letzten Etappe vor dem Hafen den Bauch aufzuschlitzen.
    Um dieses Unheil abzuwenden, stand auf der Insel – Janus Rock – ein Leuchtturm, dessen Lichtstrahl in einem Umkreis von etwa fünfzig Kilometern Sicherheit bot. Jede Nacht hallte das stete Surren der sich stetig und unablässig drehenden Lampe durch die Luft, den Felsen und Wogen trotzend und, wenn gewünscht, Rettung verheißend.
    Das Schreien dauerte an. In der Ferne klapperte die Tür des Leuchtturms, und Toms hochgewachsene Gestalt erschien auf der Galerie. Er suchte die Insel mit dem Fernglas ab.
    »Izzy!«, rief er. »Ein Boot!« Er wies auf die Bucht. »Am Strand ist ein Boot.« Er verschwand und erschien kurz darauf am Fuße des Leuchtturms. »Offenbar ist jemand drin«, fügte er hinzu. Isabel lief ihm entgegen, und er hielt sie am Arm fest, als sie den steilen, ausgetretenen Pfad zu dem kleinen Strand hinuntergingen.
    »Ganz eindeutig ein Boot«, stellte Tom fest. »Und … oh, Mist! Da ist ein Kerl, aber …«
    Die Gestalt rührte sich nicht und hing schlaff über der Sitzbank. Dennoch erklangen weiter Schreie. Tom hastete zu der Jolle hinüber und versuchte, den Mann wachzurütteln, bevor er einen Blick in den Bug warf, von wo die Schreie kamen. Er förderte ein Bündel aus Wolle zutage: eine weiche, lavendelfarbene Damenstrickjacke, gewickelt um ein winziges, weinendes Baby.
    »Du heiliger Strohsack!«, rief er aus. »Herrgott, Izzy, es ist …«
    »Ein Baby! O mein Gott! Oh, Tom! Tom! Hier, gib es mir!«
    Er reichte ihr das Bündel und unternahm noch einen Versuch, den Fremden wiederzubeleben: kein Puls. Tom drehte sich zu Isabel um, die gerade das kleine Geschöpf untersuchte. »Er hat es nicht geschafft, Izz. Und das Baby?«
    »Sieht aus, als wäre alles in Ordnung. Keine Verletzungen oder Blutergüsse. Es ist so klein!«, fügte sie hinzu und drückte das Kind an sich. »Schon gut. Jetzt bist du in Sicherheit, Kleines. Du bist in Sicherheit, du süßes Ding.«
    Tom stand reglos da, betrachtete die Leiche des Mannes, schloss die Augen und öffnete sie wieder, um sicherzugehen, dass er nicht träumte. Inzwischen hatte das Baby zu weinen aufgehört und lag, nach Luft schnappend, in Isabels Armen.
    »Ich kann an dem Burschen keine Wunden entdecken, und krank scheint er auch nicht zu sein. Er kann nicht lang auf dem Wasser getrieben haben … möchte man wenigstens meinen.« Er hielt inne. »Bring das Baby ins Haus, Izz. Ich hole etwas, um die Leiche abzudecken.«
    »Aber, Tom …«
    »Es wäre eine ordentliche Schinderei, ihn den Weg hinaufzuschleppen. Wir lassen ihn besser liegen, bis Hilfe kommt. Doch ich will nicht, dass Vögel und Fliegen sich über ihn hermachen. Im Schuppen ist noch Segeltuch, das müsste

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