Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das Licht ferner Tage

Das Licht ferner Tage

Titel: Das Licht ferner Tage
Autoren: Arthur C. Clarke , Stephen Baxter
Ads
 
1

DIE CASIMIR-MASCHINE
     
     
    Kurz nach Anbruch der Dämmerung stieg Vitali Keldys schwerfällig ins Auto und aktivierte den SmartDrive. Das Fahrzeug entfernte sich vom heruntergekommenen Hotel.
    Die Straßen von Leninsk waren leer, der Straßenbelag rissig, und viele Fenster hatte man mit Brettern vernagelt. Er erinnerte sich an die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts, als dieser Ort seinen Höhepunkt erlebt hatte: Damals war er eine aufstrebende Wissenschafts-Stadt mit einer Bevölkerung von etwa dreißigtausend Menschen gewesen, mit Schulen, Kinos, einem Schwimmbad, einem Sportstadion, Cafes, Restaurants und Hotels, sogar mit einem eigenen Fernsehsender.
    Als er die Stadt auf der Ausfallstraße nach Norden verließ, sah er das alte blaue Schild mit dem weißen Richtungspfeil: NACH BAIKONUR. Dieser alte Deckname wurde noch immer benutzt. Und noch immer bauten im Herzen von Asien russische Ingenieure Raumschiffe und schossen sie in den Himmel.
    Aber nicht mehr lange, sagte er sich traurig.
    Schließlich ging die Sonne auf und überblendete die Sterne – außer einem, dem hellsten. Er zog gemessen und dennoch unnatürlich schnell am südlichen Himmel seine Bahn. Es war die Ruine der Internationalen Raumstation: Sie war 2010 nach dem Absturz eines maroden Space Shuttles aufgelassen und nie fertiggestellt worden. Die Station umkreiste noch immer die Erde wie ein ungebetener Gast einer Party, die längst ihr Ende gefunden hatte.
    Die Landschaft außerhalb der Stadt wirkte trostlos und öde. Er kam an einem Kamel vorbei, das geduldig am Straßenrand stand, und an einem alten verhutzelten Mütterchen, gehüllt in Lumpen. Das war eine Szene, wie sie sich in den letzten tausend Jahren wohl jederzeit hätte abspielen können, sagte er sich – als ob die politischen, technischen und sozialen Umwälzungen, die über dieses Land hinweggegangen waren, gar nicht stattgefunden hätten. Was der Wahrheit vielleicht auch ziemlich nahe kam.
    Im Licht der aufgehenden Sonne dieses Frühlingsmorgens war die Steppe jedoch grün und mit gelben Blumen übersät. Er ließ das Fenster herunter und versuchte den würzigen Duft zu schnuppern, an den er sich noch so gut erinnerte. Doch die Nase war durch den Zigarettenqualm desensibilisiert, so dass sie für die Wohlgerüche der Natur nicht mehr empfänglich war. Er verspürte einen Anflug jener Melancholie, wie sie ihn zu dieser Zeit des Jahres immer überkam. Das Gras und die Blumen würden bald wieder vergangen sein: Der Steppen-Frühling war kurz, allzu kurz – wie das Leben selbst.
    Schließlich erreichte er das Testgebiet.
    Es war ein Ort, wo Stahltürme und Betonkuppeln in den Himmel ragten. Das Kosmodrom, das weitaus größer war als die westlichen Pendants, erstreckte sich über Tausende von Quadratkilometern dieses weiten Landes. Einen großen Teil des Geländes hatte man inzwischen aufgegeben. Die Starttürme, die noch nicht zur Verschrottung abtransportiert worden waren – mit oder ohne behördliche Genehmigung –, rosteten stumm vor sich hin.
    Doch an diesem Morgen herrschte zumindest an einer Rampe rege Betriebsamkeit. Er sah Techniker in Schutzanzügen und mit orangefarbenen Helmen sich um den großen Startturm drängen.
    Eine Lautsprecherstimme hallte über die Steppe. »Gotovnosty desjat’ minut.« Zehn Minuten und abnehmend.
    Der Fußmarsch vom Auto zur Zuschauertribüne ermüdete ihn, obwohl der Weg gar nicht so lang war. Er versuchte das Hämmern des geschwächten Herzens zu ignorieren, den Schweiß am Hals und auf der Stirn, die Atemnot und die Gicht im Arm.
    Als er seinen Platz einnahm, wurde er von den bereits Anwesenden begrüßt. Es handelte sich um die korpulenten und selbstgefälligen Männer und Frauen, die in diesem neuen Russland, wo die Grenzen zwischen Staatsmacht und Unterwelt fließend geworden waren, ihr Süppchen kochten. Auch die jungen Techniker mit dem hageren Gesicht der jungen Generation waren da; dem Ausdruck jenes Hungers, der das Land seit dem Untergang der Sowjetunion heimsuchte.
    Er nahm die Begrüßung zur Kenntnis und war froh, in isolierter Anonymität zu versinken. Die Männer und Frauen dieser harten Zeit interessierten sich weder für ihn noch für seine Erinnerungen an eine bessere Vergangenheit.
    Genauso wenig interessierten sie sich für das, was hier gleich geschehen würde. Ihre Gespräche handelten vielmehr von weit entfernten Ereignissen: Von Hiram Patterson und seinen Wurmlöchern und seinem Versprechen, die Erde so

Weitere Kostenlose Bücher

und dann kam Jesse
und dann kam Jesse von Robin , Jesse
Den letzten beißt das Schwein
Den letzten beißt das Schwein von Martin Springenberg/Michael Bresser
und der rote Rächer
und der rote Rächer von Katharina Fischer
Die Blutmafia
Die Blutmafia von Heinz G. Konsalik