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Das letzte Evangelium: Historischer Roman (German Edition)

Das letzte Evangelium: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Das letzte Evangelium: Historischer Roman (German Edition)
Autoren: Barbara Goldstein
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Prolog
    In einer verlassenen Abtei in den verschneiten Abruzzen
22. Dezember 1453
Kurz nach zehn Uhr morgens
    »Auferstanden von den Toten«, hat er soeben gesagt.
    Jetzt schlägt er mein Notizbüchlein auf und zeigt mir den letzten Eintrag. Mit dem Finger deutet er auf mein Gekritzel. »Hast du das geschrieben?«
    Ich nicke.
    »Was ist geschehen?«
    Die Frage ist nicht, was geschehen ist, sondern was noch geschehen wird.
    Ich blicke zum Fenster hinüber. Es schneit wieder in dicken Flocken. Wie spät ist es? Der Schrecken der letzten Stunden hat mir jedes Zeitgefühl geraubt. Die Ahnung einer drohenden Gefahr ist jedoch geblieben.
    »Ich weiß es nicht«, gebe ich mit erstickter Stimme zu. Das Eingeständnis meiner Schwäche fällt mir schwer, weil ich nicht weiß, ob ich ihm trauen kann. »Ich weiß nicht, was mit mir geschieht.«
    Vom Tod ins Leben zurückgekehrt, habe ich mein Gedächtnis verloren. Ich will wissen, wer ich bin. Und was ich getan habe. Und warum ich ermordet werden soll.
    O Gott, was für ein Schrecken!
    Bedächtig mustert er die nahezu unleserliche Handschrift in meinem kleinen Notizbuch, dann die fünf Tage alte Wunde an meinem Kopf. Er gibt sich einfühlsam.
    Als wüsste er, wie ich empfinde!
    »Wieso hältst du dich für verrückt?«, fragt er schließlich.
    »Ich kann tote Menschen sehen«, quäle ich hervor.
    Er hebt die Augenbrauen und legt den Kopf schief. »Du meinst den Toten in der Abteikirche, den du gerade eben …?«
    »Nein, ich meine Menschen, die schon lange tot sind«, sage ich. »Menschen, mit denen ich eben noch gesprochen habe, verschwinden spurlos, als wären sie nie da gewesen. Gegenstände, die ich eben noch in der Hand gehalten habe, sind plötzlich nicht mehr da. Spuren im Schnee verschwinden. Gräber lösen sich in Luft auf, und die Leichen darin auch. Ach ja, und da sind noch die Skizzen in meinem Notizbuch, die ich nicht gezeichnet haben kann, weil die Perspektive falsch ist.«
    Er sieht mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Aber vielleicht habe ich das ja …
    Mit einem Ruck, sodass der Stuhl beinahe umfällt, springe ich auf, beuge mich über den Tisch und entwaffne ihn. Mit seinem Dolch lasse ich mich zurück auf meinen Stuhl fallen. Entsetzt beobachtet er, wie ich mir die scharfe Klinge in den linken Unterarm bohre.
    Der Schmerz schießt mir bis in die Schulter.
    Ich muss mir selbst Schmerzen zufügen, um mir zu beweisen, dass ich noch am Leben bin und nicht unter Trugbildern leide. Ich habe das entmutigende Gefühl, vieles wieder zu verdrängen und zu vergessen, woran ich mich gerade erst erinnert habe. Die Wahrheit ist zu schrecklich, um sie anzunehmen. Das Gefühl, nicht zu wissen, wer du bist und was du getan hast, das Gefühl, dass du keine Macht über das hast, was um dich herum geschieht oder eben nicht geschieht, das Gefühl, immer wieder von vorn anzufangen, ist furchtbar wie die Hölle. Fast so schlimm wie die Qualen der letzten Stunden: Kopfschmerz, Übelkeit, Schwindel, Schweißausbrüche, Ohnmachtsanfälle. Und eine lähmende Erschöpfung, körperlich und geistig.
    Bin ich verrückt?
    Diese Frage brauche ich ihm nicht zu stellen. Ich kenne doch die Antwort: O ja, und wie!
    Er hebt beschwichtigend die Hände. »Bitte, leg den Dolch weg!«, fleht er mich eindringlich an und streckt die Hand danach aus. »Gib ihn mir zurück!«
    »Nein!« Ich lege den Dolch vor mir auf den Tisch.
    Wenn er nicht der ist, der zu sein er vorgibt, werde ich ihn töten. Und wenn es ihn gar nicht gibt, wie die anderen, die ich gesehen und mit denen ich gesprochen habe, dann ist es sowieso egal.
    Fröstelnd ziehe ich meine verkrampften Schultern hoch. Es ist so kalt!
    »Frierst du?«, fragt er fürsorglich und deutet auf den Kamin, wo ein Feuer prasselt. »Soll ich noch ein Scheit nachlegen?«
    »Nein.« Die Kälte kommt von innen, aus der Leere in mir.
    »Was ist geschehen?« Mit väterlicher Geste, die seine Verunsicherung überspielen soll, deutet er auf die offene Wunde an der rechten Seite meines Kopfes, auf den bleifarbenen Bluterguss auf meiner Wange, auf den verschorften Riss auf meiner Stirn, auf die anderen Wunden.
    Er ist so entsetzt wie ich, als ich gestern zum ersten Mal in den Spiegel sah und mich selbst nicht erkannte. Eine Fremde blickte mir blass und erschöpft entgegen. Nur mühsam unterdrückte ich ein verzweifeltes Schluchzen. Mein ganzes Leben ist mir entrissen worden.
    Er deutet auf mein wirres und blutverklebtes Haar. »Deine Verletzungen – wie

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