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Das lange Lied eines Lebens

Das lange Lied eines Lebens

Titel: Das lange Lied eines Lebens
Autoren: Andrea Levy
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mitzubringen – eine verlässliche junge Frau, unbescholten, vertrauenswürdig, vielleicht sogar von religiösem Wesen. Denn, so fuhr ihr Bruder mit seiner Warnung fort, die Neger würden nicht immer die Art von Bediensteten abgeben, die Caroline gewohnt sein mochte.
    Dieser außergewöhnliche Brief rief bei Caroline nicht nur Gelächter hervor, sondern auch den Wunsch, dass ihr verstorbener Mann noch am Leben wäre, um ihn zu lesen. Denn für Edmund Mortimer war es stets ein großes Ärgernis gewesen, dass sich sein Schwager bei seinen allzu häufigen Besuchen damit brüstete, wie viele Sklaven er in der Karibik besaß und wie viele von diesen im Herrenhaus und wie viele auf den Feldern arbeiteten. Dann erzählte er seiner Schwester und ihrem Mann mit einer schwungvollen Handbewegung und dem gewichtigen Blick eines Menschen, der sich die genaue Zahl nicht in Erinnerung rufen konnte: »Oh, auf den Feldern sind es mehr als hundertfünfzig und, nun ja, im Haushalt über dreißig.«

    Es hatte Edmund Mortimer über alle Maßen irritiert, dass Carolines Bruder, wenn er beobachtete, wie ihr einziges schlampiges, schmutziges Mädchen-für-alles bei Tisch servierte, ihre Lebensumstände mit fast so etwas wie Mitleid ins Visier nahm. Und jetzt legte der Bruder ihr nahe, sie solle dieses eine armselige Mädchen übers Meer mitbringen! Sie mit ihren ausrangierten Kleidern ausstaffieren, damit sie als Zofe durchging, wenn er doch was besaß? Über zweihundert Sklaven, die ihm zu Gebote standen! Bei diesem Ansinnen hätte sich ihr Mann gewiss im Grabe umgedreht, wäre er bei seiner Beerdigung nicht so dick gewesen, dass der Sarg nicht den dafür nötigen Platz bot.
    Als Caroline an diesem so oft und eifrig heraufbeschworenen Ort eintraf, rechnete sie also damit, im Haus mehreren Negern zu begegnen, denn das war nicht mehr, als man sie hatte glauben machen wollen. Freilich hatte sie nicht vorhergesehen, dass sie, als sich die Tür zu der imposanten Kolonialvilla ihres Bruders zum ersten Mal auftat, gleich von einem ganzen Schwarm schwarzer Gesichter umringt würde. Während ihr Bruder damit beschäftigt war, auf der Veranda des Hauses einem zerlumpten schwarzen Jungen Anweisungen zu geben, wohin er Mary – das angeforderte Dienstmädchen, dem nach der Schiffsreise tatsächlich richtig übel war – bringen sollte, hielten drei Negerfrauen in ihrer Arbeit inne, um Caroline eingehender betrachten zu können.
    Eine von ihnen – sie trug ein leuchtend rotes Madrastuch auf dem Kopf und eine Schürze um die Hüften, die so mit Fettflecken bespritzt war, dass sie wie eine Landkarte aussah – kaute mit offenem Mund auf irgendetwas herum. Eine andere bohrte in der Nase und wischte dann den Rotz an einem Drecklappen von Rock ab, wobei sie unbeholfen den Kopf verdrehte, um mit dem einen Auge, das blutunterlaufen, geschwollen und halb geschlossen war, besser sehen zu können. Die dritte, ein hochgewachsenes, schlaksiges Geschöpf, hatte das Mieder ihres Kleides aufgebunden, das jetzt liederlich um ihre Taille hing,
sodass ihre Arme ganz nackt waren wie die Zweige eines abgestorbenen Baumes. Keine von ihnen trug Schuhe.
    Caroline jedoch ließ sich von den finsteren Blicken dieser Sklavinnen nicht weiter stören, sondern sah sie höflich an, glaubte sie doch, sie würden bald einen Knicks machen und ihr danach vielleicht eine leichte Erfrischung anbieten. Sie löste sogar ihre Hutnadeln, denn sie war fest davon überzeugt, dass sie ihr die Kopfbedeckung abnehmen würden, um sie auf einen Hutständer zu legen. Aber nichts dergleichen. Stattdessen begannen ihre Augen, die, wie Caroline fand, in Ruß rollenden schimmernden Murmeln glichen, sie bedächtig zu mustern, von den Sohlen ihrer braunen Lederstiefel bis zum Scheitel ihres dichten blonden Schopfes. Dann breitete die schlaksig Hochgewachsene die Arme aus und sagte: »Was is’ die dick!« Worauf Caroline einen langen Schritt zurücktrat – nicht etwa wegen dieser unverschämt spöttischen Bemerkung, sondern aus Furcht vor den scharfen weißen Zähnen in ihren Gesichtern, die sie, als sie über sie lachten, gleich wilden Tieren entblößten.
    In diesem Augenblick lief mit flatternden Flügeln und lautem Gegacker ein Huhn an ihr vorbei, rutschte auf dem gebohnerten Boden aus und plumpste hin. Es wurde von einem jungen Negermädchen gejagt, das mit ausgestreckten Armen ungeschickt versuchte, das Tier am Genick zu packen, und dabei die ganze Zeit über rief: »Festhalten, schnell!

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