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Das Knistern in den Sternen: Roman (German Edition)

Das Knistern in den Sternen: Roman (German Edition)

Titel: Das Knistern in den Sternen: Roman (German Edition)
Autoren: Jón Kalman Stefánsson
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1
    Ich wohne in einem Block. Er steht in der Stadt Reykjavik als oberster in einer Reihe von vier Blöcken. Ich wohne im Erdgeschoss links, Hauseingang Nr. 54, in einer Dreizimmerwohnung mit fensterlosem Abstellraum, Balkon und Keller. Vor dem Block liegt ein Parkplatz, und wer abends oder vielleicht auch sonntags aus dem Fenster guckt, kann vor unserem Küchenfenster einen Trabant stehen sehen und auf sein rotes Dach hinabblicken; auf dem Beifahrersitz liegt eine Maurerkelle.
    Schräg gegenüber steht eine zweigeschossige Ladenzeile mit der Reinigung Björg, einer Buchhandlung und einem Frisiersalon mit großen Fenstern im Untergeschoss, die sich bis um die Ecke ziehen. An warmen Sommertagen steht der kahlköpfige Friseur in der Tür und klopft mir mit einer zusammengerollten Zeitung auf den Kopf, wenn ich vergesse, Guten Tag zu sagen. An den Friseurladen schließt sich ein kleines Geschäft mit Kinderbekleidung an, und daneben gibt es so etwas wie eine Grotte oder Höhle mit einer Luke davor. Das ist Söbekks Kiosk. Keine Tür, nur diese Luke, und wer erst sieben ist, muss sich auf die Zehenspitzen stellen, um nach drinnen zu linsen. Ein paar Schritte neben der Luke befindet sich die Eingangstür zu Söbekks Kiosk, dann kommt das Milchgeschäft und am Ende Bödvars Bäckerei. Bödvar hat eine Glatze wie der Friseur, ist aber so groß und kräftig, dass manche Schiss vor ihm haben. Dabei kann es ihm einfallen, dir ein ofenwarmes Wienerbrot zu schenken, das dir im Mund zergeht, während er mit seinen roten und traurigen Augen dein Mienenspiel beobachtet. Bödvar schläft nie; es ist viele Jahre her, seit er das letzte Mal geschlafen hat. Jede Nacht starrt er in seinen glühenden Backofen und denkt an etwas Trauriges. Die Schlaflosigkeit, die vom Ofen ausstrahlende Hitze und seine traurigen Gedanken machen seine Augen so rot. Man weiß nie, was in Bödvars Broten stecken mag: ein Löffel, ein Spießchen, ein Stück Plastik, ein Korken. Die Frauen im Stoffgeschäft Vogue zischeln missbilligend oder tuscheln über den Bäcker und vergießen auch schon mal ein Tränchen seinetwegen. Vier oder fünf sind es, alle gutmütig. Sie erinnern an leicht muffelnde Islandpullover. Über ihrer Eingangstür hängt eines der Weltwunder, eine leuchtende Riesenschere von der Größe eines Automobils, wenn nicht gar eines Krokodils. Die Schere schneidet lautlos jeden Tag. Klipp, klapp, und zerschneidet doch nichts, außer vielleicht diese Erinnerungen; denn wenn ich abends zu Bett gehe, nicht mehr sieben Jahre alt, sondern bald vierzig, und der Schlaf sich dichter um mich legt wie Dunkelheit, dann sehe ich die Schere tief in den Nebel der Zeit schneiden.

Die Schere
    Nächtens schneidet die Riesenscherevon Vogue das Erdgeschoss links aus der Zeit, und die Wohnung schwebt durch die Leere des Alls wie ein Planet auf der Suche nach einer Sonne. Die Schere schneidet die Maurerkelle meines Vaters aus, mich, über meine Spielzeugsoldaten auf dem
    Fußboden im Wohnzimmer gebeugt, sie schneidet eine Frau aus, die aus dem Schlafzimmer kommt, Peter mit den empfindlichen Händen und zwei Brüder, Urgroßmutter mit ihrem Kopf wie eine Kartoffel, sie schneidet und schnippelt, schneidet meine Mutter aus, die mich unter fürchterlichen Schmerzen zur Welt brachte, meinen Vater auf dem Weg den Hügel von Skaftahlið hinab, Großvater, der gerade ein Malergerüst aufstellt, und Großmutter, die aus Norwegen stammte. Sie schneidet schneller und schneller, schneidet die Vesturgata aus und Uroma, siebzehn Jahre alt und duftend wie ein Berghang voller Heidekraut. Sie schneidet und schneidet tief in den Nebel der Zeit, schneller und schneller, sie schneidet die Halbinsel von Snæfellsnes aus, einen rothaarigen Schiffer, einen Großkaufmann, eine Kellerwohnung und sie schneidet Urgroßvater aus der Zeit.

Urgroßvater
    »Er war ein staatser Mann«, sagte meine norwegische Großmutter über meinen Urgroßvater mütterlicherseits, aber es gab eigentlich keine Bestätigung dafür. [1]
    Urgroßvater wuchs in Akureyri auf, wo er das Druckerhandwerk lernte. Mit zwanzig kommt er nach Reykjavik, findet Arbeit in der Druckerei Isafold und mietet sich ein kleines Zimmer. Dort erhält er Brief um Brief von seiner
    Mutter, die will, dass aus ihm etwas Anständiges wird, er soll eine Familie gründen und überhaupt ein Muster von einem Mann werden. Nichts liegt ihm ferner. Ich weiß nicht, woher es kam, ob eine tiefe innere Unruhe dahintersteckte oder die Abenteuerlust

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