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Das irische Erbe

Das irische Erbe

Titel: Das irische Erbe
Autoren: Dagmar Clemens
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immer noch wie ein Windhauch spürbar war. Ein Haus mit dicken Wänden, damit es im Winter warm und im Sommer schön kühl war. Und sie wollte ein Morgenzimmer haben, in dem sie vormittags die Sonne genießen konnte, während sie Briefe schrieb oder arbeitete. Ein goldenes Haus, so nannte sie es insgeheim.
    »Hörst du mir überhaupt zu?«, Viktor sah sie beleidigt an.
    »Nein«, gab sie zu. »Ich dachte gerade an mein Traumhaus.«
    »Dein Traumhaus?«
    Er verschränkte die Arme vor der Brust. Die Pläne rollten sich zusammen.
    »Und wie sieht das aus?«
    Es würde ihm nicht gefallen, das wusste sie. Und er würde es sofort schlechtmachen.
    »Ach, nicht weiter wichtig.«
    Claire wollte das Thema wechseln und versuchte, auf seine Familie zu sprechen zu kommen. Sie wusste nicht viel über sie, nur dass Viktor aus schlechten Verhältnissen kam und sich auf klassische Weise hochgearbeitet hatte. Seine Eltern hatten sich noch vor seiner Geburt getrennt. Seine Mutter lebte mit immer neuen Männern zusammen, die Viktor hasste. Er verließ seine Mutter, so schnell es ging, studierte und jobbte nebenbei, um seinen Unterhalt aufbringen zu können. Mittlerweile gab es keinen Kontakt mehr und er wollte auch keinen.
    »Ich weiß überhaupt nicht, ob Bobby noch lebt.«
    »Bobby?«
    »Mein Bruder«, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen.
    »Was ist mit ihm?«, fragte sie vorsichtig.
    »Er ist obdachlos.«
    Der Gedanke, auf der Straße leben zu müssen, ließ sie noch mehr frieren. Sie kuschelte sich an ihn. »Was würdest du tun, wenn du ihn plötzlich irgendwo sehen würdest?«
    Er dachte keine Sekunde nach. »Ich würde an ihm vorbeigehen und so tun, als erkenne ich ihn nicht.«
    Ja, das würde er.
    »Aber er ist dein Bruder, ihr gehört zu einer Familie«, wandte sie vorsichtig ein.
    »Das sehe ich anders«, stieß er heftig hervor. »Wir hatten beide die gleiche Ausgangsposition. Aber er hat aus seinem Leben nichts gemacht. Ich sehe ihn nicht mehr als Bruder an.«
    Bobby war offenbar sein wunder Punkt.
    »Ihm ist nicht zu helfen.«
    Sie griff nach seiner Hand und drückte sie. Sie konnte verstehen, warum er manchmal so unnachgiebig war. Er hatte selbst zu viel leisten müssen, um Mitleid mit anderen zu haben, die nichts erreicht hatten. Sie verstand ihn. Er zog sie an sich und sie genoss die Wärme seines Körpers und fragte sich, warum sie immer noch an ihren Gefühlen zweifelte.
    Am Anfang schmeichelte ihr sein Interesse an ihrer Person. Er sah aus wie ein Schauspieler, war gebildet und kultiviert.
    Schon nach drei Monaten sprach er von Verlobung. Aber zu diesem Zeitpunkt war sie sich ihrer Gefühle für ihn nicht mehr sicher. Sie hatte schon zwei Beziehungen gehabt, die zerbrochen waren. Anfangs war sie verliebt, aber irgendwann ließ das Gefühl nach und hinterließ nichts. Sie dachte immer, dass Liebe etwas Überwältigendes war, etwas, das alles andere überdeckte. Aber ihre Gefühle für Viktor waren nicht so. Noch nicht.
    Sie streckte ihre Beine aus, die langsam einschliefen. Sie brauchte eben noch etwas Zeit. Außerdem war sie erst siebenundzwanzig Jahre und konnte noch ein wenig warten. Bis sie Viktor so liebte, wie es sein sollte.
    »Und dann meine Mutter. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich ihren geblümten Morgenmantel gehasst habe«, stieß er hervor. »Ich habe mich, solange ich zu Hause lebte, immer nur geschämt. Für den Dreck, die Unordnung, für meine Mutter, die manchmal wie eine gealterte Nutte aussah.«
    Sie schmiegte sich an ihn. Wie sehr er doch unter seiner Herkunft litt.
    Sie gingen früh zu Bett, aber sie konnte schlecht einschlafen und wachte gegen drei Uhr auf. Dass sie überhaupt geschlafen hatte, erkannte sie an den Träumen, an die sie sich aber nur schemenhaft erinnern konnte. Viktor hatte darin mitgespielt und der Personalchef der Firma, in der sie sich vorgestellt hatte. Und Pessoa war plötzlich dort aufgetaucht, Hand in Hand mit Patricia, die ein durchsichtiges Kleid trug.
    Hellwach blieb sie neben Viktor liegen, der friedlich schnarchte. Schließlich schlug sie vorsichtig die Decke zurück und lief barfuß in die Küche. Mit einem Glas Wasser schlenderte sie leise durch die Wohnung. Es gab keine Teppiche, weil Viktor diese unhygienisch fand. Die teuren Fliesen waren überaus elegant, verstärkten aber noch den Eindruck von Kälte. Nein, Viktors Wohnung war einfach nicht behaglich. Zu Hause hätte sie sich sicher vor den Fernseher gesetzt und ein wenig durch die Programme gezappt.

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