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Das irische Erbe

Das irische Erbe

Titel: Das irische Erbe
Autoren: Dagmar Clemens
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begrüßte, schien es dort jedenfalls zu gefallen. Sie wirkten alle sehr nett. Die meisten duzten sich. Ob der Chef verheiratet war? Wie albern von ihr. Sie schüttelte ihre Tagträume ab und konzentrierte sich wieder auf ihre Arbeit. Als sie fertig war, ging sie mit den Unterlagen zu Patricia.
    »Würden Sie das bitte zehnmal kopieren und Mappen zusammenstellen?«
    »Wieso?«
    Patricia nahm die Unterlagen nicht an.
    »Weil diese für die morgige Sitzung benötigt werden«, antwortete sie verblüfft.
    »Das ist nicht meine Aufgabe«, sagte Patricia.
    »Wie bitte?«
    Mit selbstzufriedenem Gesicht begann die Sekretärin einen Bleistift zu spitzen.
    »Das ist nicht meine Sache«, wiederholte sie seelenruhig. »Ich habe heute und morgen sowieso keine Zeit.«
    Claire starrte sie wortlos an. Dann ging sie zu Pessoa, klopfte an seine Tür und trat ein, ohne auf seine Aufforderung zu warten.
    »Was gibt es?«, fragte er, den Blick auf die geöffnete Unterschriftsmappe gerichtet.
    »Patricia weigert sich, für mich Kopien zu machen«, sagte sie aufgebracht. »Sie scheint nicht zu wissen, dass sie auch meine Sekretärin ist.«
    »Na und?«, fragte er und unterschrieb einen der Briefe. »Ich dachte, Sie fühlten sich unterfordert. Das haben Sie jedenfalls gesagt.«
    Das stimmte. In ihrem ersten Gespräch hatte sie gesagt, sie sei mit ihren neuen Aufgabengebieten unterfordert. Dennoch war sie nicht bereit, die Arbeit für Patricia zu erledigen.
    »Das ist etwas völlig anderes.«
    »Ach so?«
    Jetzt erst sah er sie an. Er klappte die Mappe zu und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Mit etwas zu viel Schwung, denn der Stuhl begann zu kippen. Hektisch ruderte er mit seinen Armen und konnte den Sturz nach hinten gerade noch verhindern. Sie biss sich auf die Lippen und bemühte sich um ein ernstes Gesicht.
    Conrad Pessoa machte es einem nicht leicht. Schon sein Äußeres brachte so manchen Geschäftspartner zum Lachen. Er trug einen durchgestuften Schnitt, mit dem er offenbar seine starke Natur zu bändigen versuchte. Das Ergebnis war aber gegenteilig. Hinzu kam, dass er in Stresssituationen leicht schielte. Mit der aufgebauschten Frisur, die wie eine Löwenmähne aussah, und dem Silberblick erinnerte er an 'Daktari' und den schielenden Löwen. Er war zwei Jahre jünger als sie und schien seine mangelnde Lebenserfahrung mit Arroganz ausgleichen zu wollen.
    »War es das?«, fragte er nun verärgert.
    Sie dachte an die neue Stelle, zuckte gleichmütig mit den Schultern und sagte: »Schon gut.«
    Patricia konnte ihren Triumph nicht gut verstecken oder wollte es vielleicht auch gar nicht. Aber das wunderte sie nicht. Ihre Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit.
    Als sie sie damals als ihre Sekretärin begrüßte, sagte Patricia sofort, sie pflege sich › Assistentin ‹ zu nennen. Assistentin also. Dabei trug sie immer zu enge und kurze Kleider und stark toupierte Frisuren. Sie zeigte gerne ihre wohlgeformten Beine und liebte hochhackige Sandalen. Ihr Vorbild schien eine Popdiva zu sein, die sich ebenfalls nur in zu engen Kleidern zeigte. Conrad Pessoa hatte Patricia eingestellt, als die langjährige Sekretärin nach dem Tod von Dick Rogers kündigte. Patricia war nicht im Mindesten für den Job qualifiziert und sah nicht wie eine Sekretärin oder Assistentin aus. Aber der Chef sah trotz Anzug und Krawatte auch nicht wie ein Chef aus.
    Claire sah an sich hinunter. Sie liebte ihre Hosenanzüge, die ihr eine klassische Note verliehen. Es stimmte einfach nicht, dass sie konventionell war.
    Als sie Patricia an deren erstem Arbeitstag auf ihre aufreizende Kleidung ansprach, sagte diese aber genau das. Sie wirke langweilig, wie eine Politikerin. Als ob Patricia das beurteilen könne. Sie trug weiterhin Hosenanzüge und die Sekretärin zu enge Kleider.

    Viktor rief kurz vor Feierabend an und Claire erzählte ihm von ihrem Vorstellungsgespräch. Als sie die Firma nannte, sagte er sofort, diese sei dafür bekannt, dass sie nur Zeitverträge abschließe.
    »Der Geschäftsführer ist eiskalt, kein Vergleich zu Dick Rogers. Für ihn gibt es nur Zahlen.«
    So war er ihr überhaupt nicht vorgekommen. Aber sie wollte sich die Freude nicht nehmen lassen.
    »Es ist immerhin einen Versuch wert.«
    »Was nützt dir denn ein Zeitvertrag?«
    Über die Laufzeit eines Anstellungsvertrages war gar nicht gesprochen worden, fiel ihr jetzt erst ein. Sie war von einem unbefristeten Vertrag ausgegangen.
    »Zieh die Bewerbung zurück, du hast keine Chance.«
    Sie

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