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Das Inferno Roman

Titel: Das Inferno Roman
Autoren: Richard Laymon
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1
    Zwanzig Minuten vor dem Beben stand Stanley Banks an seinem Wohnzimmerfenster. Er hielt den Sportteil der L. A. Times auf Brusthöhe vor sich, aber tat nur so, als ob er darin las. So machte er es jeden Morgen. Für den Fall, dass Mutter ins Zimmer rollte und ihn am Fenster erwischte.
    Meistens blieb sie in der Küche, trank Kaffee, qualmte ihre Zigaretten und hörte Radio.
    Manchmal jedoch tauchte sie überraschend auf, und da bot die Tageszeitung eine gute Deckung.
    Mittlerweile wusste sie, dass Stanley sich angewöhnt hatte, am Fenster im Morgenlicht die Titelseite des Sportteils zu studieren.
    Das hatte er ihr oft genug erklärt.
    Natürlich war das nicht die Wahrheit.
    In Wahrheit stand er dort, um den Bürgersteig zu beobachten.
    Gerade spähte er über den oberen Rand der Zeitung.
    Er hoffte, dass er sie nicht verpasst hatte.
    Er schaute auf seine Armbanduhr. Punkt acht. Innerhalb der nächsten fünf Minuten müsste sie am Haus vorbeigerannt kommen.
    »Stanley!«, rief seine Mutter. »Stanley, sei so gut und hol mir ein paar Streichhölzer.«
    Stanley spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte.
    »Gleich«, rief er.

    »Bitte tu, was ich dir gesagt habe.«
    Ich werde sie verpassen!
    Vielleicht nicht. Wenn ich mich beeile.
    Er warf die Zeitung auf den Beistelltisch, schritt durch das kleine Wohnzimmer zum Kamin, griff sich eine Handvoll Streichholzbriefchen aus dem Bastkorb auf dem Sims und eilte durch das Esszimmer in die Küche. Er warf die Streichholzbriefchen vor seiner Mutter auf den Tisch, wo sie hart aufprallten und in alle Richtungen davonstoben. Ein Briefchen fiel auf den Boden neben ihren Rollstuhl.
    Stanley fuhr herum. Er hatte einen einzigen Schritt aus der Gefahrenzone geschafft, als eine strenge Stimme verlangte: »Bleib sofort stehen!«
    »Mut-terrr.«
    »Sieh mich an, wenn ich mit dir rede.«
    »Jawohl, Ma’am.« Stanley sah sie an.
    Alma Banks schielte ihn durch ihre pink gerahmte Brille an, schob sich eine Virginia Slims zwischen die Lippen und riss ein Streichholz an. Sie sog die Flamme durch ihre Zigarette heran, inhalierte und stieß zwei graue Rauchwolken durch ihre Nasenlöcher.
    »Ich hatte dich um Streichhölzer gebeten, junger Mann, nicht um einen Wutausbruch.«
    »Es tut mir leid. Wenn du nur ein paar Minuten länger gewartet hättest …«
    »Ist deine Zeit zu kostbar, um deiner eigenen Mutter einen kleinen Gefallen zu erweisen?«
    »Nein«, sagte er, »tut mir leid.«
    Ich werde sie verpassen!
    »Streichhölzer, mehr wollte ich nicht. Streichhölzer. Verlange ich denn so viel von dir? Du bist ein erwachsener
Mann. Du bist zweiunddreißig Jahre alt. Du lebst in meinem Haus. Du isst mein Essen. Ist es da zu viel verlangt, wenn du alle Jubeljahre mal etwas für mich erledigen sollst? Ist es das?«
    »Nein. Es tut mir leid. Kann ich jetzt gehen?«
    »Ob du jetzt gehen darfst ?«
    »Darf ich? Bitte.«
    »Geh!« Ein Wedeln ihrer Hand brachte Bewegung in die Rauchwolke vor ihrem Gesicht.
    »Danke, Mutter.« Er ging zurück zum Wohnzimmer und zwang sich, nicht zu hetzen. »Ich bin in ein paar Minuten zurück und spüle das Geschirr. Ich will nur den Sportteil fertiglesen.«
    »Du und dein Sportteil. Der läuft dir doch nicht weg, oder?« Sie gab keine Ruhe, aber sie folgte ihm nicht. Von ihrem Rollstuhl war kein Geräusch zu hören. Anscheinend reichte es ihr, ihn mit ihrer Stimme zu verfolgen. »Deine kostbare Sportseite löst sich nicht in Luft auf, das weißt du doch? Die ist nachher auch noch da.«
    Aber Stanley stand schon am Fenster.
    »Kann der Sportteil nicht mal zwei Minuten warten, damit du deiner Mutter ein paar Streichhölzer suchst?«
    »Ich habe dir Streichhölzer geholt«, rief er.
    »Vor mich hingeknallt hast du sie.«
    »Tut mir leid.«
    »Das sollte es auch.«
    Er blickte auf seine Armbanduhr: drei Minuten nach acht.
    Wenn ich sie verpasst habe …
    »Ich werde nicht für immer da sein, das weißt du doch?«, erinnerte ihn Alma.
    Gleich würde sie auf die Tränendrüse drücken.

    Stanley war selbst zum Heulen zumute. Für heute hatte er seine Chance verpasst, darum betrogen durch die egoistischen Launen seiner …
    Und dann erschien sie.
    Mein Gott, dachte Stanley.
    Ganz egal, wie oft und wo er sie sah, und ganz egal, was sie trug: Der Anblick von Sheila Banner versetzte seinem Herz immer wieder einen Schlag, ließ ihn nach Luft ringen und seinen Penis auferstehen.
    »Oh, Sheila«, flüsterte er.
    Sie tauchte hinter dem Oleander an der linken Seite des Rasens auf. Die

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