Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das Große Spiel

Das Große Spiel

Titel: Das Große Spiel
Autoren: Claude Cueni
Ads
Kapitel I
    PARIS, 1683
     
    »Werde ich sterben?«, fragte der Schotte. Seine wund geschnäuzte Nase triefte auf den scharlachroten Umhang, den er eng um sich geschlungen hatte. Er schob drei Goldmünzen über den dunkel gebeizten Eichentisch, als wolle er damit den Tod bestechen. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und sah sein Gegenüber mit großen Augen an. Bitterkeit und Hader überfielen ihn. »Werde ich sterben?«, wiederholte er mit seinem starken schottischen Akzent.
    »Sie haben doch nicht die lange Reise von Edinburgh nach Paris gemacht, um hier zu sterben«, lächelte Docteur Cartier. »Keine Angst, Monsieur Law. Sie sind bei uns in guten Händen.« Rötliche Ekzeme überzogen Cartiers Kopfhaut. An einigen Stellen war ihm das Haar gleich büschelweise ausgefallen. Das Gesicht hatte er mit dicker, heller Schminke bedeckt, um die entstellenden Pockennarben zu kaschieren. Docteur Cartier zeigte auf eine gläserne Schale, die in der Mitte des wuchtigen Tisches stand. Darin waren seltsam gefärbte Steine. »Das sind Harnsteine, Monsieur Law. Sie haben schreckliche Schmerzen verursacht. Die Menschen, denen wir diese Steine entfernt haben, sind heute schmerzfrei. Diese Menschen ...«
    »Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich überlebe, Docteur Cartier?«, unterbrach ihn der Schotte. Er war es gewohnt, dass man ihm auf seine Fragen präzise und ohne Umschweife antwortete. Er trug den scharlachroten Umhang der Goldschmiede-Bankiers von Edinburgh.
    Docteur Cartier beugte sich über den Tisch und schaute William Law eindringlich an: »Monsieur Law, ich bin Chirurg und nicht Mathematiker. Ich halte nicht viel von diesen neuen Wissenschaften, die überall in Mode gekommen sind. Die ganze Welt stellt Berechnungen der Wahrscheinlichkeit an. Mit Verlaub, Monsieur Law, das ist dummes Zeug. Gott allein entscheidet. Nicht die Mathematik. Jahrhundertelang haben uns die Schweizer Bergbauern auf den Schlachtfeldern Europas mit ihren Pikettieren geelendet, und jetzt lassen sie die Brüder Bernoulli mit ihren Höchstwahrscheinlichkeitsrechnungen auf die Menschheit los. Was bisher galt, soll plötzlich falsch sein. Alles soll neu erklärt und gedeutet werden. Und das öffentlich. Und für jedermann zugänglich. Jeder Stallknecht soll heutzutage alles verstehen. Das ist eine neue Krankheit, Monsieur Law, eine Seuche. Aber Ihr Leiden, Monsieur Law, Ihr Leiden ist heilbar. Seit zweihundertfünfzig Jahren praktizieren wir die Steinoperation nach denselben Regeln. Diese Regeln sind geheim, Monsieur Law. Und das aus gutem Grund. Wo kämen wir hin, wenn sich jeder sein eigenes Urteil bilden würde? Wenn selbst die Bauern in Holland den Dammschnitt an ihren Viechern praktizieren würden? Aber alle Welt soll Statistiken führen und sie der Menschheit zur Verfügung stellen! Jeder Patient will plötzlich Tabellen und Statistiken. Jeder Patient ein kleiner Bernoulli, ein Mathematiker, ein Prognostiker. Das ist eine Versündigung gegen Gott und die Monarchie! Zahlen, Fakten, Zusammenhänge konstruieren ... Die Zukunft voraussagen! Die Pläne Gottes erraten! Sie wollen Gott spielen! Ich will Ihnen etwas sagen, Monsieur Law, Wahrscheinlichkeitsrechnungen sind etwas für Kartenspieler.« Docteur Cartier hielt inne und holte tief Luft. Er war selbst überrascht, dass er sich derart ereifert hatte.
    William Law nickte höflich und beugte sich nun seinerseits über den schweren Tisch: »Docteur Cartier, ich bin William Law, Goldschmied und Münzprüfer aus Edinburgh in Schottland, Berater des königlichen Münzamtes.Von meinen sieben Söhnen und fünf Töchtern haben vier die Kinderjahre überlebt. Das entspricht dem statistischen Mittel von Edinburgh. So hat es mir mein Sohn John erzählt. Ich möchte von Ihnen lediglich wissen, wie die Statistik Ihres Hospitals aussieht. Damit ich entscheiden kann, ob ich das Risiko auf mich nehme oder nicht. Denn zu Hause in Lauriston Castle, das ich vor wenigen Wochen erworben habe, warten meine Frau und meine Söhne, John und William.« Einen Augenblick lang saßen sich beide gegenüber und starrten sich lauernd und drohend an.
    Dann seufzte Cartier, richtete sich auf und schob die Louisdor wieder in die Tischmitte. »Monsieur Law, für einunddreißig Patienten von hundert endet die Operation mit dem Tod. Aber falls Sie sterben, Monsieur Law, dann nicht zu einunddreißig Prozent. Der eigene Tod ist immer hundertprozentig. Deshalb halte ich nichts von diesen Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Monsieur

Weitere Kostenlose Bücher

Limonow (German Edition)
Limonow (German Edition) von Emmanuel Carrère
Ohne ein Wort
Ohne ein Wort von Linwood Barclay