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Das Gift der Engel

Das Gift der Engel

Titel: Das Gift der Engel
Autoren: Oliver Buslau
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Prolog
    Sie trat auf das Plateau hinaus und betrachtete die nächtliche Landschaft. Die bewaldeten Hügel wirkten im Licht des vollen Mondes wie Berge aus grau schimmernder Watte.
    Die Welt ist selbst ergriffen von diesem Bild und lauscht , dachte sie.
    Der tief dunkle Himmel hinter der hellen Scheibe spannte sich wie ein Gewölbe über das silbrige Land, nur manchmal unterbrochen von einem weißen Nadelstich.
    Ein Gefühl von Schwindel erfasste sie. Die Wanderung hatte sie angestrengt, und es dauerte eine Weile, bis sich ihr Herzschlag beruhigte. Und je mehr sich in ihrem Innern die Stille ausbreitete, desto mehr verschmolz sie mit der Nacht um sich herum. Kein Laut war zu hören. Das dumpfe Brummen des Verkehrs aus dem Flusstal drang nicht hierher, und die Vögel würden erst in einigen Stunden erwachen.
    Der Wind strich um ihr Haar und ihre Haut. Sanft, dann wieder fordernd und stark. Die Brise rauschte durch das Laub über ihr und zog fort, bis weit hinunter ins Tal.
    Der Wind ist mein Freund, denn er begrüßt mich, wenn ich sein Land betrete …
    Sie breitete die Arme aus. Sie war kurz davor, sich dem Zauber dieser Sommernacht hinzugeben wie so viele Male vorher. In dieser Atmosphäre konnte sie ewig verharren.
    Doch heute war es anders.
    Reiß dich los , mahnte sie sich. Er wartet. Und er leidet. Reiß dich los, nur dieses eine Mal …
    Etwas in ihr drängte sie, alles doch noch hinauszuschieben, die Nacht weiter zu genießen. Einen Moment lang war sie versucht, nachzugeben.
    Sie schloss die Augen. Das Mondlicht zauberte einen kreisrunden, vom hellen Gelb ins Grün übergehenden Reflex hinter ihre geschlossenen Lider, der langsam abklang.
    Voller Befriedigung spürte sie, wie der Wind wieder stärker wurde, an ihrer Kleidung zerrte.
    Reiß dich los …
    Sie öffnete die Augen, sog noch einmal so viel wie möglich von der sommerlichen Luft ein, schmeckte den Wald mit seinem Laub, seiner Erde, seinem Gras, seinen Blüten.
    Es muss sein. Jetzt.
    Sie würden vereint sein. Endlich vereint, nachdem er ihre Sehnsucht unstillbar geweckt hatte.
    Vereint …
    Sehnsucht gestillt …
    Das war es wert, dass sie ein einziges Mal den Verlockungen der Nacht widerstand.
    Ein paar Schritte, und sie gelangte an die Stelle, wo der kleine gewundene Pfad ins Tal hinunterführte. Sie zögerte. Die Dunkelheit dort unten wirkte wie eine stumme Drohung.
    Sie überwand sich, ging weiter hinab und spürte, wie die Luft kälter wurde. Noch wenige Meter, und der Mondschein würde nicht mehr durch die Wipfel dringen. Der Wald würde sie verschlucken, und sie würde voll und ganz ihrem Instinkt ausgeliefert sein.
    Hüte dich!
    Wieder blieb sie stehen. Etwas beunruhigte sie. Es war kaum ein Gedanke, nur eine Ahnung.
    War sie wirklich allein hier?
    Es ist nicht weit . Und so dunkel der Wald auch ist, dort bist du geschützt .
    Sie hatte den Rand der Schwärze erreicht und sah sich um. Im Mondlicht wirkte der Hügel hart. Wie aus Stein gemeißelt.
    Was will dieses Grau’n bedeuten?
    Ihre Furcht steigerte sich, wollte ihr den Atem nehmen. Sie musste Schutz suchen, musste hinunter in den Wald, weg von dieser Drohung, die von dem Hügel hinter ihr auszugehen schien. Sie kämpfte, um sich aus der Erstarrung zu lösen.
    Gerade wollte sie sich wieder dem Tal zuwenden, da sah sie den Schatten.
    Eine leichte Verschiebung der changierenden weißlichen und dunklen Flächen dort oben, fast nicht zu bemerken. Sie verharrte stocksteif – genau in dem hellen Fleck des Mondlichts, auf halber Strecke zwischen dem Plateau und den ersten Büschen des Tals.
    Unsicher suchte sie den Waldrand ab.
    Sie hatte sich nicht getäuscht. Langsam schälte sich aus dem Grau zwischen den Bäumen etwas Dunkles heraus. Eine finstere Kontur, die zu wachsen schien. Ein Tier, dachte sie, nur ein Tier. Doch nach und nach nahm die schwarze Kontur die Umrisse eines Menschen an.
    Jemand trat ins Licht. Noch immer war sie regungslos – wie mit der erstarrten Landschaft verschmolzen.
    Das Geräusch der Schritte schnitt in die tiefe Lautlosigkeit der Nacht. Die Gestalt blieb stehen, und sie erkannte, wer es war. Fast gleichzeitig explodierte die Welt in grellem Weiß.
    Die Stille, die folgte, war dunkler als die Finsternis aller Nächte.

1
    Von irgendwoher fiel Licht durch das Fenster, und Alban bemerkte, wie dunkel es bereits geworden war.
    Der Bewegungsmelder am Tor ist angegangen, dachte er. Jemand hatte also das Grundstück betreten. Sicher ein Austräger, der Werbung in

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