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Das Gewicht der Liebe

Das Gewicht der Liebe

Titel: Das Gewicht der Liebe
Autoren: Campbell Drusilla
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1
    S an D iego, K alifornien
M ärz 2010
    Der Staat Kalifornien gegen Simone Duran
    A m ersten Tag von Simone Durans Verhandlung w egen versuchten Mordes an ihren Kindern verschworen sich die Naturgewalten und brachen mit geballter Macht über Südkalifornien herein. Arktische Unwetter, die den Norden von Los Angeles bereits den ganzen Winter über abwechselnd lahmgelegt oder überschwemmt hatten, wähl ten die zweite Märzwoche, um über den Süden herzufallen und waren nun in einer Reihe aufgestellt, eine Phalanx aus Wind und Regen, die sich bis nach Alaska erstreckte. In San Diego setzte nach Mitternacht ein schüchternes Nieseln ein, das im Morgengrauen an Kraft gewann und nun, mit einem harten Nordwestwind im Gefolge, die Stadt mit strömendem Regen überflutete.
    Im stickigen Gerichtssaal strich ein Luftzug über Roxan nes Nacken und jagte ihr einen Schauer über den Rücken: Sie fürchtete, wenn die Temperatur nur um ein Grad fiele, würde sie zu zittern beginnen und außerstande sein, es wieder zu stoppen. Einer der Zuschauer in den Rängen hinter ihr hatte einen hartnäckigen Bronchialhusten. Roxanne stellte sich Bazillen vor, die wie Pollen in der Luft herum schwebten. Sie fragte sich, ob feindselig gesinnte Leute – die Gaffer und Voyeure, die Schaulustigen, die selbst ernann ten Experten und sensationslüsternen Prozessjunkies – Bazillen in sich trugen, die bösartiger waren als jene von Freunden und Verbündeten. Wenngleich sich in der Menge nicht gerade viele wohlmeinende Menschen befanden. Die meisten der anwesenden Männer und Frauen repräsentierten die Millionen von Menschen, die Simone Duran hassten. Und sollten ihre Bazillen nur halb so vernichtend sein wie ihre Gedanken, würde Simone bis zum Mittag tot sein.
    Roxanne und ihr Schwager, Johnny Duran, saßen in der ersten Zuschauerreihe, direkt hinter dem Anwalts tisch. Johnny war wie immer tadellos gekleidet, gepflegt und gut aussehend. Doch neues Grau durchzog sein schwar zes Haar, und um seine Augen und den Mund hatten sich Linien eingegraben, die vor sechs Monaten noch nicht da gewesen waren. Er war Eigentümer und gleichzeitig Vorsitzender eines Millionen Dollar schweren Bauunternehmens, das auf Hotels und Bürokomplexe spezialisiert war, ein Mann mit vielen Freunden, einschließlich des Bürgermeisters und des Polizeichefs. Aber seit dem Mordversuch an seinen Kindern hatte er sich zurückgezogen, verbrach te seine gesamte Freizeit mit seinen Töchtern. Roxanne und er hätten einander viel zu sagen gehabt, und gleichzeitig nichts. Sie wusste, dass ihm dieselbe Frage durch den Kopf ging wie ihr, und beide wussten sie um deren Sinnlosigkeit: Was hätten sie anders machen können oder sollen?
    Nach der Anklageerhebung wegen Mordversuchs in mehreren Fällen war Simone für neunzig Tage zur Beobachtung ins Psychiatrische Krankenhaus St. Anne’s eingewiesen worden. Die Kaution wurde auf eine Million Dollar festgesetzt, und als Sicherheit bot Johnny das Seehaus an. Er mietete eine Wohnung an einem Canyon, wo Simone und ihre Mutter, Ellen Vadis, nach Simones Entlassung aus dem St. Anne’s lebten. Ihre Kaution war an strenge Aufla gen geknüpft. Es war ihr verboten, Kontakt mit ihren Töch tern aufzunehmen, sie musste eine elektronische Fußfessel tragen und durfte die Wohnung nicht verlassen, es sei denn in Begleitung ihres Anwalts bei Angelegenheiten, die ihren Fall betrafen, oder in Begleitung ihrer Mutter für die Sitzungen bei ihrem Psychiater.
    Wie Johnny kam auch Roxanne mehrmals in der Wo che bei Simone vorbei. Soweit Roxanne es beurteilen konn te, trugen diese Besuche – angespannt wie sie waren – bei keinem der Beteiligten zur Stimmungsaufhellung bei. Sie verbrachten Stunden auf dem Sofa, sahen fern, hielten sich manchmal an den Händen. Während Roxanne oft über ihr Leben erzählte, über ihre Arbeit, ihre Freunde oder irgend ein anderes Thema, das die Illusion aufrechterhalten soll te, sie seien ganz normale Schwestern, gab Simone nur selten etwas von sich. Manchmal bat sie Roxanne, ihr aus dem Märchenbuch vorzulesen, das sie seit ihrer Kindheit hatte. Geschichten von tanzenden Prinzessinnen und verzauberten Schwänen hatten auf Simone eine ebenso beruhigende Wirkung wie ein Schlaflied auf ein Baby, und mehr als einmal hatte Roxanne sie schlafend auf dem Sofa zurückgelassen, zugedeckt mit einem Kaschmirtuch und das Buch neben ihr. In letzter Zeit hatte Simone sich wieder angewöhnt, wie früher als Kind am Daumen zu nuckeln.

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