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Das Flüstern der Stille

Das Flüstern der Stille

Titel: Das Flüstern der Stille
Autoren: Ivonne Senn Heather Gudenkauf
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Calli
    Calli rührte sich in ihrem Bett. Die Hitze einer dunstigen Augustnacht in Iowa lag im Raum, hing feucht und schwer über ihr. Sie hatte sich schon vor Stunden von dem weißen Chenille-Überwurf freigestrampelt, ihr pinkfarbenes Nachthemd knüllte sich um ihren Bauch zusammen. Durch das geöffnete Fenster wehte kein Lufthauch herein. Der Mond hing tief, und sein milchiges Licht lag kraftlos auf dem Boden; eine matte, ungenügende Laterne. Sie wachte auf, die Geräusche im Erdgeschoss drangen nur vage an ihr Ohr. Ihr Vater bereitete sich darauf vor, angeln zu gehen. Calli hörte seine festen, sicheren Schritte, so anders als der leichte, schnelle Tritt ihrer Mutter oder die zögerliche Art, mit der sich Ben bewegte. Sie setzte sich zwischen zerwühltem Bettzeug und Stofftieren auf, die Blase unangenehm voll, und presste die Beine zusammen, versuchte, mit reiner Willenskraft den Drang, ins Bad zu gehen, zu unterdrücken. Ihr Zuhause hatte nur ein Badezimmer, einen rosafarben gefliesten Raum, der beinah zur Hälfte von einer weißen Badewanne mit Klauenfüßen eingenommen wurde. Calli wollte nicht die knarrende Treppe hinuntersteigen, an der Küche vorbeigehen, wo ihr Vater mit Sicherheit seinen bitter riechenden Kaffee trank und seine Ködertasche richtete. Der Druck auf ihre Blase stieg, und Calli versuchte, an etwas anderes zu denken. Ihr Blick fiel auf den Stapel Sachen für das kommende zweite Schuljahr: bunte Stifte, noch ganz lang und mit glatter Spitze; schmale Mappen, deren Ecken wie gestärkt aussahen; weiche, gut riechende Radiergummis; eine Packung mit vierundsechzig Wachsmalkreiden (die Liste führte nur eine vierundzwanzigteilige Box auf, aber Mom wusste, dass das nicht reichen würde); und vier spiralgebundene Notizblöcke, jeder in einer anderen Farbe.
    Die Schule war für Calli immer eine Mischung aus Freude und Leid gewesen. Sie mochte, wie es in der Schule duftete; der staubige Geruch von Büchern und Kreide. Sie mochte das Knistern der Herbstblätter unter ihren neuen Schuhen, wenn sie zur Bushaltestelle ging, und sie liebte ihre Lehrer, jeden einzelnen. Aber Calli wusste, dass sich die Erwachsenen im Konferenzraum trafen, um über sie zu reden: die Direktorin, die Psychologen, Sprachspezialisten, normale Lehrer und welche von der Sonderschule, Spezialisten für Verhaltensstörungen. Warum sprach Calli nicht? Calli wusste, dass man mit vielen Begriffen versuchte, sie zu beschreiben – geistig herausgefordert, autistisch oder beinah autistisch. Aufsässigkeitsstörung, selektive Stummheit. Sie war eigentlich sehr klug. Sie konnte lesen und verstand Bücher, die weit über ihr Alter hinausgingen.
    Im Kindergarten hatte Miss Monroe, eine energische Vorschullehrerin, deren glattes braunes Haar und durchdringende Bassstimme ihr mädchenhaftes Aussehen Lügen straften, gedacht, dass Calli einfach nur schüchtern sei. Bis zum Dezember ihres Kindergartenjahres war Callis Name im „Solution-Focus-Education“-Team nicht ein einziges Mal gefallen. In diesem Team saßen die Experten zusammen, um Lösungen für schwierige oder auffällige Schüler zu finden. Miss White war es, die Callis seltsames Verhalten entdeckte, als sie zum zweiten Mal in einer Woche im Schwesternzimmer ein Paar frische Socken, Unterwäsche und eine Jogginghose herausgeben musste.
    „Hast du denn niemandem gesagt, dass du mal auf die Toilette musst?“, hatte sie mit ihrer sanften, freundlichen Stimme gefragt.
    Keine Antwort, nur Callis üblicher, ausdrucksloser Blick aus großen Augen.
    „Geh in die Toilette hier, und zieh dich um, Calli“, hatte die Schulschwester sie angewiesen. „Und wasch dich so gründlich wie möglich.“ Sie blätterte durch ihr akribisch geführtes Büchlein, in das sie mit säuberlicher, steiler Handschrift sämtliche Besuche im Krankenzimmer mit Datum, Uhrzeit und Beschwerden notierte – Kratzen im Hals, Bauchschmerzen, Bienenstiche. Callis Name tauchte seit dem 29. August, ihrem ersten Schultag, neun Mal auf. Neben jedem Eintrag stand die Abkürzung UV für Urin-Vorfall. Mrs. White wandte sich an Miss Monroe, die Calli ins Krankenzimmer begleitet hatte.
    „Michelle, das ist Callis neuntes Missgeschick in diesem Jahr.“ Mrs. White hielt kurz inne, um Miss Monroe die Gelegenheit zu geben, etwas zu erwidern. Schweigen. „Geht sie denn nicht, wenn die anderen Kinder gehen?“
    „Ich weiß es nicht“, antwortete Miss Monroe. Ihre Stimme drang unter der Toilettentür hindurch, wo Calli gerade aus

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