Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das Buch der Schatten - Böse Mächte: Band 6 (German Edition)

Das Buch der Schatten - Böse Mächte: Band 6 (German Edition)

Titel: Das Buch der Schatten - Böse Mächte: Band 6 (German Edition)
Autoren: Cate Tiernan
Ads
Enttäuschung. » War wohl ein bisschen schnell, was?«
    » Ich kann nichts dagegen machen«, sagte er mit seinem spröden englischen Akzent. » Die Bremsen scheinen nicht zu funktionieren.«
    » Was?« Verdutzt schaute ich zu ihm rüber und sah, dass er die Zähne fest zusammenbiss und sein Gesicht ganz angespannt war vor Konzentration.
    » Die Bremsen funktionieren nicht«, wiederholte er, und meine Augen wurden ganz groß, als ich kapierte, was er da sagte.
    Erschrocken sah ich nach vorn… Wir fuhren bergab auf den kurvenreichsten Abschnitt der Straße zu, wo die Schilder eine Höchstgeschwindigkeit von dreißig Stundenkilometern empfahlen. Der Tacho zeigte achtzig an.
    Mein Herz klopfte laut. » Mist. Runterschalten?«, fragte ich leise, weil ich ihn nicht ablenken wollte.
    » Ja. Aber ich will auf keinen Fall, dass wir ins Rutschen geraten. Ich könnte den Motor ausmachen.«
    » Dann kannst du nicht mehr lenken«, murmelte ich.
    » Ja«, meinte er grimmig.
    Die Zeit schien plötzlich langsamer zu vergehen. Die Fakten– die Straße war vereist, wir waren angeschnallt, das Auto war klein und würde bei einem Aufprall zerknautscht werden wie eine Konservendose, mein Herz schlug wild gegen meine Rippen, das Blut rann durch meine Adern wie Eiswasser–, all diese Dinge erfasste ich, während Hunter gewaltsam herunterschaltete und der Motor bockte und stöhnte. Das ganze Auto bebte. Ich hielt mich am Türgriff fest und drückte den Fuß auf ein nicht existierendes Bremspedal am Boden. Ich bin zu jung, um zu sterben, dachte ich. Ich will nicht sterben.
    Wir fuhren jetzt im dritten Gang mit gut sechzig Stundenkilometern bergab. Der Motor jaulte, kämpfte vergeblich gegen die Schwerkraft und die Trägheit an, die das Auto weiterbewegten. Und dann nahmen wir wieder Fahrt auf. Ich schaute zu Hunter, wagte kaum zu atmen. Sein Gesicht war bleich im trüben Licht des Armaturenbretts, als wäre es aus Elfenbein geschnitzt. Ich hörte das Quietschen der Reifen und spürte den übelkeiterregenden Ruck des Autos, als wir um die nächste Kurve schlitterten und dann um noch eine.
    Hunter schaltete noch einmal runter und das ganze Auto machte einen Satz und gab ein ungehaltenes Schnarren von sich. Ich schlug mit dem Rücken gegen den Sitz, und das Auto schien seitwärts zu tänzeln, wie ein Pferd, das sich erschrocken hat. Hunter griff nach der Handbremse und zog sie langsam an. Ich merkte keine Veränderung. Dann zog Hunter sie mit einem Ruck ganz hoch, und das Auto bockte wieder, brach seitlich aus und rutschte auf einen von Bäumen gesäumten Graben zu. Wenn wir jetzt ins Schlingern kamen, würden wir zerdrückt werden. Ich hörte ganz auf zu atmen und saß wie erstarrt da.
    Hunter schaltete in den ersten Gang und lenkte gleichzeitig gegen, sodass wir mitten auf der Picketts Road einen endlosen, halb kontrollierten Schleudertanz aufs Parkett legten. Hunter ließ das Auto hin und her rutschen, und als wir genug Fahrt verloren hatten, machte er den Motor aus. Das Lenkrad blockierte, doch das war in Ordnung– wir hatten immer noch Schwung genug. Schließlich kamen wir scharrend und lärmend am Straßenrand zum Stehen, keine fünfzehn Zentimeter vor einer riesigen, knorrigen Platane, die uns plattgedrückt hätte, wenn wir dagegen geknallt wären.
    Nach dem Knirschen und Jaulen des gequälten Motors und dem Quietschen der Reifen war in der Stille der Nacht jetzt nur noch unser flaches Keuchen zu hören. Ich schluckte schwer und hatte das Gefühl, der Sicherheitsgurt war das Einzige, was mich aufrecht hielt. Mit weit aufgerissenen Augen sah ich Hunter an.
    » Alles okay?«, fragte er mit zittriger Stimme.
    Ich nickte. » Und du?«
    » Ja. Aber das hätte böse enden können.«
    » Du hast einen Hang zu untertreiben«, sagte ich schwach. » Das war böse und es hätte tödlich enden können. Was ist mit den Bremsen los?«
    » Gute Frage«, sagte Hunter und spähte durch das Fenster in den dunklen Wald.
    Ich sah mich ebenfalls um. » Wir sind in der Nähe der Riverdale Road«, sagte ich, denn ich erkannte die Kurve. » Knapp zweieinhalb Kilometer von zu Hause. Gar nicht weit von hier habe ich mein Auto in den Graben gefahren.«
    Hunter löste seinen Sicherheitsgurt. » Können wir zu Fuß zu dir gehen?«
    » Klar.«
    Hunter schloss das Auto ab, das so ordentlich und still am Straßenrand stand, als wären wir nicht um ein Haar darin umgekommen. Wir machten uns auf den Weg, und ich schwieg, weil ich spürte, dass Hunter die Sinne

Weitere Kostenlose Bücher

L'assassin de Sherwood
L'assassin de Sherwood von Paul C. Doherty
Pulse
Pulse von Julian Barnes