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Das Blumenorakel

Das Blumenorakel

Titel: Das Blumenorakel
Autoren: Petra Durst-Benning
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D IE N IXE VOM W ILDSEE
    D ie Wiesen rund um das blaugrün schillernde Wasser des Wildsees waren besonders üppig, weshalb die Hirten ihre Ziegen dort besonders gern weideten. Bedächtig zupften die Tiere die feinwürzigen Kräuter, keines kam in die Versuchung, wilde Sprünge zu machen oder davonzulaufen.
    Zufrieden mit der Wahl seines Weideplatzes, zog der junge Hirte seine Schalmei hervor und begann voller Hingabe zu spielen. Doch bald mischten sich in seine verträumte Melodie noch andere, viel schönere und feinere Klänge, die vom See herüberzuwehen schienen.
    Neugierig machte er sich zum Ufer auf und traute seinen Augen kaum, als er auf einem Felsen im See eine herrlich anzuschauende Wasserfrau mit schwarzgelocktem Haar und grün funkelnden Augen erspähte. Sie spielte auf einer goldenen Harfe und sang mit glockenklarer Stimme dazu – eine Weise, die der Hirte nicht kannte, die ihn aber sofort in ihren Bann zog. Nur einmal schaute die Nixe den Jüngling an und lächelte leise dabei, ohne ihr Spiel und den Gesang zu unterbrechen.
    So etwas Schönes hatte der Hirte noch nie gesehen, solch schöne Klänge nie gehört! Am liebsten wäre er für immer dort sitzen geblieben. Erst als es dunkel wurde, ging er zurück zu seinen Tieren.
    Fortan kam er Abend für Abend an den See, um den verzauberten Klängen zu lauschen.
    Sie heiße Merline, verriet die Schöne dem Jüngling eines Tages. Aber nie dürfe er sie mit diesem Namen ansprechen oder ihn ausrufen, wenn er sie nicht antreffe, denn sonst würde etwas Schlimmes geschehen.
    Der Hirte nickte verwirrt.
    Eines Tages lief er auf seinem Gang zum See einem alten Pechsieder, der seit Ewigkeiten in der Gegend unterwegs war, über den Weg. Er solle achtsam sein, warnte der Mann den Hirten. Schon so manch hübscher Jüngling habe im See sein ewiges Grab gefunden, weil er den lockenden Klängen der Nixe erlegen sei.
    Seine Warnungen waren vergeblich – der junge Hirte war Merline längst verfallen, und eines Abends, als er die Nixe nicht auf ihrem gewohnten Felsen sitzen sah, konnte er nicht anders, als ihren Namen zu rufen.
    Â»Merline …!«
    Doch statt ihrer wurde er einer blutroten Rose gewahr, die aus der Wasserfläche herauswuchs und ans Ufer trieb. Als der Jüngling danach greifen wollte, fiel er ins Wasser und verfing sich im Dickicht der Schlingpflanzen. Er ruderte angstvoll mit den Armen und strampelte mit den Beinen, aber der Wildsee ließ ihn nicht mehr los, sondern zog ihn hinab in die Tiefe.
    Die ganze Nacht und den nächsten Morgen blökten die Ziegen vergeblich nach ihrem Hirten. Danach verloren sie sich in den Wäldern rund um den See und waren ebenfalls nie mehr gesehen.

1 . K APITEL
Januar 1871
    B aden-Baden! Ich weiß jetzt schon, dass ich die Stadt nicht mögen werde.« Mürrisch starrte Flora aus dem Zugfenster. Der schwarze Kohlequalm der Dampflokomotive mischte sich mit dem lautlos fallenden Schnee zu einem unappetitlich aussehenden Schleier. Man konnte die Umgebung nur noch als graue Schatten wahrnehmen. Die wenigen Menschen, die unterwegs waren, versteckten ihre Nasen hinter den Mantelkragen oder Taschentüchern, um der schlechten Luft zu entgehen.
    Flora wies am Bahnhofsgebäude vorbei auf ein riesiges Banner, das von einem Hotelfenster herabhing. »Bayerischer Hof – schau nur, wie protzig sie ihre Speisen und Getränke anpreisen!«
    Â»Keine Sorge, unser Hotel liegt viel weiter in der Stadt und es ist gewiss nicht so vornehm.« Hannah Kerner, die neben Flora saß, seufzte. Das Letzte, was sie im Moment brauchen konnte, waren die Nörgeleien ihrer Tochter.
    Â»Na, da bin ich aber froh. Brrr! Wie düster hier alles wirkt! Und irgendwie verlassen. Hier sollen wir also gute Geschäfte machen? Kuckucksspucke ist das, mehr nicht …« Dass ihre eigene Miene mindestens so düster und unfreundlich wirkte wie Baden-Baden an diesem Wintertag, schien Flora gar nicht zu merken.
    Unwillkürlich warf auch Hannah einen skeptischen Blick auf die verschneite Stadt. Keine Soldaten weit und breit – sie wusste nicht, ob dies ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war. Nochherrschte Krieg, Frankreich hatte offiziell noch nicht kapituliert, auch wenn die Zeitungen voll waren mit Berichten vom deutschen Sieg über die Franzosen. Offenbar hatte sich König Wilhelm schon vor ein paar Tagen im Spiegelsaal von

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