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Das Auge der Fatima

Das Auge der Fatima

Titel: Das Auge der Fatima
Autoren: Franziska Wulf
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Worte ihres Chefs gehört? Er nickte.
    »Ich übernehme deine Station und deinen Dienst morgen«, sagte er leise. Keine Spur mehr von Spott oder Zynismus in seiner Stimme.
    Beatrice schloss erleichtert die Augen.
    »Dr. Breitenreiter hat bereits angeboten, mich zu vertreten«, sagte sie. Ihr Stimme zitterte und bebte. Sie erkannte sie kaum noch.
    »Soviel ich weiß, hat er eigentlich bis Montag frei«, erwiderte Dr. Mainhofer kühl. Beatrice fragte sich, ob er es genoss, ihr ein schlechtes Gewissen zu machen. Als ob es nicht schon ausreichen würde, dass ihr vor Angst um ihre kleine Tochter fast das Herz stehen blieb. »Aber wenn er es für richtig hält, dann soll er für sie einspringen. Allerdings soll er sich nicht einbilden, dass ihm diese Überstunden bezahlt werden. Das muss er irgendwann mit Ihnen ausmachen. Sie können gehen, Frau Helmer. Wann werden wir wohl wieder mit ihrer Anwesenheit rechnen können?«
    Beatrice schüttelte den Kopf. Nur mühsam gelang es ihr, die Tränen zu unterdrücken.
    »Ich weiß es nicht. Ich habe noch keine Ahnung, was eigentlich los ist, und ...«
    »Wenn Sie es wissen, melden Sie sich bei meiner Sekretärin, damit wir planen können.«
    Er legte auf, und Beatrice warf den Hörer auf die Gabel. Sie war so wütend, dass sogar die Angst um Michelle dahinter zurücktrat. Aber nur für einen kurzen Augenblick. Dann kehrte sie zurück, noch schlimmer als vorher.
    Koma. Das Wort hämmerte durch ihr Gehirn, laut und unbarmherzig wie die riesigen stampfenden Kolben eines alten Schiffsmotors. Sie zitterte am ganzen Körper und fror so erbärmlich, als wäre hier im Aufenthaltsraum plötzlich der arktische Winter ausgebrochen.
    »Schaffst du es?«, fragte Thomas und berührte sie für einen kurzen Moment sanft am Arm.
    Sie sah ihn an. Wie oft hatte sie sich über ihn, sein mangelndes Mitgefühl, seinen Zynismus und seine Arroganz geärgert, die nur noch vom Chef selbst überboten wurden. Mit so viel Einfühlsamkeit und Hilfsbereitschaft hätte sie daher nie gerechnet. Nicht bei Thomas Breitenreiter. Wie man sich doch täuschen konnte.
    »Danke«, stieß sie hervor. »Wirklich, ich wüsste nicht, was ich sonst ...«
    Er winkte ab. »Schon gut. Mach dich auf den Weg. Aber du solltest dir lieber ein Taxi nehmen, sonst setzt du deinen Wagen noch gegen den nächstbesten Laternenpfahl.«
    Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Es wird schon gehen.«
    Sie trat zur Tür. Jeder einzelne Schritt wurde zur Qual und dauerte ewig. Es kam ihr vor, als hätte die Schwerkraft hier im Krankenhaus plötzlich um ein Vielfaches zugenommen. Die Schwestern, Pfleger und Ärzte auf dem Gang waren stehen geblieben, verharrten mitten in ihren Bewegungen, als wären sie eingefroren. Sie selbst bewegte sich wie in Zeitlupe, kämpfte mit aller Kraft gegen den Stillstand an, der auch von ihr Besitz ergreifen wollte. Als sie dann endlich die Schleuse erreicht hatte, war sie schweißgebadet.
    Ausziehen!, dachte Beatrice. Du musst dich doch nur ausziehen. Warum fällt dir das ausgerechnet jetzt so schwer? Jetzt, da es auf jede Minute ankommt?
    Sie streifte sich die als Strümpfe dienenden Mullschläuche von den Füßen und warf sie in den Mülleimer.
    Hier hat es vor etwas mehr als vier Jahren begonnen, fiel ihr plötzlich ein. Hier, in diesem Raum, war ihr der Saphir, einer der Steine der Fatima, aus der Kitteltasche gefallen. Hier hatte er sie auf ihre erste seltsame Reise mitgenommen, eine Reise, die sie in das arabische Mittelalter geführt hatte, nach Buchara.
    Beatrice war überrascht. Sie dachte nur selten an die Steine der Fatima und die beiden Reisen, auf die sie die Steine bereits geschickt hatten. Sie hatte meist viel zu viel zu tun. Es gab andere Dinge, an die sie denken musste - ob sie es schaffen würde, Michelle pünktlich vom Kindergarten abzuholen, was sie noch einkaufen musste, was sie zum Essen kochen wollte. Ganz normale Dinge eben, die wohl jeder berufstätigen Frau und Mutter permanent durch den Kopf gingen. Die Steine der Fatima kamen ihr höchstens mal in den Sinn, wenn sie in der Badewanne oder in ihrem Bett lag. Manchmal träumte sie auch von ihnen. Dann überfielen sie die Erinnerungen. Aber seltsamerweise niemals in diesem Raum. Jeden Tag, wenn sie in den OP musste, kam sie in die Schleuse, und noch nie hatte sie dabei an die Steine der Fatima gedacht. Warum fiel es ihr ausgerechnet jetzt ein? Jetzt, da sie eigentlich nur an eines denken sollte - an Michelle?
    Sie zog sich das grüne OP-Hemd und

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