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Das Auge der Dunkelheit (German Edition)

Das Auge der Dunkelheit (German Edition)

Titel: Das Auge der Dunkelheit (German Edition)
Autoren: Daniel Dekkard
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Lombardi. Diese Frau, die eine Krankheit der Seele in den Selbstmord stürzte, knüpfte das Band, das mich mit Leon verband. Erst als ich Lilian, meine Mutter, mit diesem Namen konfrontierte, erfuhr ich eine Episode, die meine Eltern wiederum mir stets verschwiegen hatten. Flora Lombardi war einst die Geliebte meines Vaters gewesen, bevor er Lilian kennenlernte. Das Schicksal gönnte ihnen nur ein einziges, glückliches Jahr, bevor sich Floras Seele verdunkelte. Ausgelöst durch die Schwangerschaft, von der mein Vater nie erfahren hatte. In ihren letzten Tagen sehnte sie sich nach dem Land, dem sie entstammte. Um dort dem Kind das Leben zu schenken und ihres auszulöschen. In der düsteren Abtei San Grosso hatte Leon das Licht der Welt erblickt. In ihm und in mir floss das gleiche Blut. Wir waren Halbbrüder.
Er sackte in sich zusammen. Denn nun erkannte auch er, wie ich zuvor, wo diese Linie ihren Anfang nahm. Wir teilten nicht nur das Blut der Fosqatis. Über Levinia, der Schwester Blackford Conleys, kettete es uns an diesen Schlächter. An den Offizier, der vor mehr als hundert Jahren durch seine unstillbare Gier nach Macht und Reichtum den Grundstein für dieses Drama gelegt hatte. Der das Auge der Dunkelheit gestohlen und in einer blutrünstigen Orgie den Kult des Schwarzen Buddha ausgelöscht hatte. In Leon kehrte er wieder, in der sagenhaften Ähnlichkeit ihrer Züge. Und dies war es, was Evan und Martha Finney entdeckt hatten, als sie jenem fatalen Schamanenritual beiwohnten. Ihre Absicht mochte eine andere gewesen sein. Vielleicht auf diese merkwürdige Art die Vergangenheit ihres Adoptivsohnes zu erhellen und zu erfahren, wer jene Flora Lombardi gewesen war. Vielleicht auch, um zu beweisen, dass sie recht hatten, was die Fähigkeiten der Schamanen anging. Unglücklicherweise hatte sich dabei Gandring, Nodo und Arundhavi ein verhängnisvolles Bruchstück des verschollenen Geheimnisses offenbart.
„Das hat er gemeint“, entfuhr es Leon.
Fragend sah ich ihn an.
„Arundhavi“, erklärte er. „Als er mich niederstach. Als er sagte, der Kris könne noch auf eine andere Art gereinigt werden. Mit dem Blut des Diebes. Er wusste es.“
Er stöhnte unter der Last.
„Es ist einfach unfassbar. Aber dann ist es wahr. Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende.“
„Nein, das ist sie nicht. Es gibt einen Grund, warum all dies wieder auftaucht. Warum Korbmacher diesen Nomaden begegnete. Und warum sie sich die Danah Oth nennen. Die Diener des Schicksals. Sie sind noch dort draußen.“
Unvermittelt sprang Leonard auf, und mit einem wuchtigen Schlag zerschmetterte er die Statuette am Stamm einer Palme. Aus dem Innern polterten ihm zwei Gegenstände zu Füßen. Miss Ellen Sandlers Notizbüchlein und ein strahlend heller Stein, in dem sich die Sonne in tausend Farben spiegelte. Die Träne des Schwarzen Buddha.
„Gott!“, schrie er. „Hört dieses Grauen nie auf?“
Ich erhob mich, fasste ihn vorsichtig an der Schulter.
„Beruhige dich. Das Grauen hat längst sein Ende gefunden. Der Kris ist vernichtet. Denk an die letzten Worte dieses Mönchs, Arundhavi. Als er sagte, es sei die Bestimmung des Letzten aus Conleys Blutlinie, die Macht zu erneuern. Er hatte natürlich nur seine eigenen, egoistischen Ziele im Sinn. Aber die Worte haben einen anderen Sinn.“
Ich nahm die Gegenstände auf, die der Götze freigegeben hatte.
„Conley hat die Kette des Wissens unterbrochen. Die Aufgabe des Letzten bestand darin, es wieder auferstehen zu lassen. Damit der Pfad der Erkenntnis wieder beschritten werden kann. Hiermit ist es möglich, in den Händen eines weisen Mannes. Meister Sen.“
Ebenso, wie ich mir sicher war, mein Bruder sei noch am Leben, zeigte es mir nun, dass auch dem weißhaarigen Chinesen die Flucht aus dem Dschungel gelungen sein musste, auch er noch lebte.
„Nein“, murmelte Leon kraftlos. „Ich kann es nicht.“
Das allerletzte Stückchen dieses Rätsels war ihm entgangen.
„Wie Arundhavi es schon einmal sagte. Er vermochte nicht alles zu sehen“, beruhigte ich ihn lächelnd. „Ich bin zwei Jahre jünger als du. Ich bin der Letzte in der Blutlinie der Conleys. Es ist meine Aufgabe, das weiß ich nun. Ich werde den Weisen finden.“
    Ich blieb noch einige Tage, in denen sich Leon von dem Schrecken erholte, den mein Erscheinen ausgelöst hatte. Er wandelte sich in die Freude, einen Bruder gefunden zu haben. Seine Albträume verschwanden für immer. Beim Abschied rang er mir das Versprechen

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