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Das Auge der Dunkelheit (German Edition)

Das Auge der Dunkelheit (German Edition)

Titel: Das Auge der Dunkelheit (German Edition)
Autoren: Daniel Dekkard
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Prolog
    Januar 1988, Natuna-Archipel, Südchina-See
    Dort draußen konnte nichts sein. Es hätte auf dem Radar auftauchen müssen. Kapitän Randarwal Singh blickte über das Vorschiff. Die Sterne versteckten sich hinter einer geschlossenen Wolkendecke. Jenseits der Bordwände dehnte sich konturlose Schwärze, lastete auf der glatten See.
„Wo?“, fragte er scharf.
„Drei Strich Backbord voraus, Sir.“
Der Navigationsoffizier reichte ihm das Fernglas und Singh richtete es auf den angegebenen Punkt. Dabei beugte er sich vor, als könnte er auf diese Weise weiter in die Dunkelheit dringen. Mit seinem Bauch berührte er das Instrumentenbord. Ein scharfes Klacken verriet den Revolver, den er unter der Uniformjacke verbarg. Er hasste den Umgang mit Schusswaffen. Seit sieben Jahren hielt Singh den Befehl über die Nalanda Star, steuerte den rostigen Frachter in jeden Hafen zwischen Bangkok und Port Moresby. Nie hatte er den Revolver aus dem Schrank holen müssen. Bis er sich auf diese Sache eingelassen hatte.
„Ein Licht. Keine Ahnung, was das war“, hörte er den Offizier sagen.
Dort draußen durfte nichts sein! Und was er sah, bestätigte sein banges Hoffen. Nur schwarzer Himmel über schwarzem Wasser.
„Schon an der Rumflasche geschnüffelt?“, grantelte Singh. Gerade wollte er das Glas absetzen, da flackerte es auf, in der Sichtlinie, kurz und schwach. Und doch reichte es, um für einen Sekundenbruchteil, wie beim Blitz eines Fotoapparates, die matt schimmernde Bordwand eines Bootes erkennen zu können.
„Verdammt!“, entfuhr es Singh.
Ein Boot ohne Positionslichter, das dem Radar entging, übertraf seine Befürchtung. Er wirbelte herum, brüllte in den Funkraum: „Notsignal absetzen! Piraten!“
Er betete, dass es nur Piraten waren. Rasch und präzise bellte er die nächsten Befehle.
„Ruder hart Steuerbord! Lampen löschen! Alle Mann auf die Brücke!“
Die Signalpistole in der Hand riss der 1. Offizier die Tür zum Kommandodeck auf. Das nächste Aufblitzen sahen alle auf der Brücke mit bloßem Auge. Dem Licht folgte ein winziger Komet, der auf sie zuraste.
„Runter!“
Sich auf den Boden werfend schrie der Kapitän nur noch diese Warnung heraus. Verblüfft drehte der 1. Offizier sich zu ihm um und Singh ahnte, dass ihn ein toter Mann anstarrte. Im nächsten Moment erschütterte eine Detonation die Kommandobrücke. Metallsplitter jaulten über das Vorschiff. Die Brückenfenster zerplatzten und deckten die Männer mit einem Glasregen ein. Lähmende Sekunden vergingen, bis jeder begriff. Eine Granate hatte das Peildeck über ihnen getroffen. Stöhnend, taub vom Lärm der Explosion, hob Singh seinen Kopf. Zitternd kauerte der Funker unter seinem Tisch, schüttelte verneinend den Kopf. Es hatte die Antennenanlage erwischt, das Notsignal war nicht mehr rausgegangen. Vorsichtig lugte Singh über die Brüstung, gleißendes Licht blendete ihn. Die Piraten hielten einen Scheinwerfer auf das Vorschiff gerichtet. Zu Singhs Verwunderung lag ihr Boot ruhig. Sein wiederkehrendes Gehör vernahm auch keine Motorengeräusche. Hoffnung keimte in ihm auf.
Die haben Probleme mit ihrem Kahn, dachte er grimmig.
Seine Nalanda Star hingegen befand sich in voller Fahrt. Der Kaperer fiel backbords weiter ab. Mit Glück konnten sie es bis Serasan schaffen, der südlichsten der Großen Natuna-Inseln. Dort gab es einen Stützpunkt der indonesischen Küstenwache. Rasch verschaffte sich der Kapitän ein Bild der Lage.
Ausgestreckt auf dem Boden liegend zog es der Navigationsoffizier vor, in Deckung zu bleiben. Der Rudergänger stand noch an seinem Platz hinter dem Steuerrad. Er blutete aus haarfeinen Ritzen, verursacht durch den Schrapnellsturm des Fensterglases. Entschlossen hielt er den Frachter auf Kurs. Er stammte von den Bugis ab, einem verwegenen Seefahrervolk von der Küste Sulawesis. Wegen einer solchen Lächerlichkeit den Posten zu verlassen, verbot ihm sein Stolz. Singh erhob sich und trat auf das Brückendeck hinaus. Die Schiffsbeleuchtung brannte noch. Offenbar hatte sein Befehl, die Lampen zu löschen, den leitenden Ingenieur nicht erreicht. Zwischen verbogenen Teilen des heruntergestürzten Peilrahmens entdeckte er die Signalpistole, von seinem 1. Offizier keine Spur. Singhs Aufmerksamkeit richtete sich auf das Hinterschiff. Dort, auf dem Backdeck, halb von der hinteren Ladeluke verdeckt, lag reglos ein Matrose mit blutverschmiertem Oberkörper.
Unmöglich. Dort hinten konnte ihn nicht einmal ein

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