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Das alte Königreich 02 - Lirael

Titel: Das alte Königreich 02 - Lirael
Autoren: Garth Nix
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herunter, schlug auf den Gong und hielt inne, um zu verkünden, dass die Neuntagewache sie – Lirael – Gesehen hatte. Dass sie Gesehen hatte, wie sie mit dem Mondsteinreif gekrönt wurde. Dass sie Gesehen hatte, wie Lirael endlich die Sicht zuteil wurde.
    Im Unteren Refektorium war an diesem Morgen nicht viel los. Nur an drei der sechzig Tische saß jemand. Lirael ging zu einem Tisch, so weit wie möglich von den anderen entfernt, und nahm Platz. Sie zog es vor, allein zu sein, wenn sie sich nicht unter den Clayr befand.
    An zwei Tischen saßen Kaufleute, vermutlich aus Belisaere, und unterhielten sich lautstark über Pfefferkörner, Ingwer, Muskat und Zimt, die sie aus dem Norden eingeführt hatten und an die Clayr zu verkaufen hofften. Ihr Gespräch über die Qualität und Wirksamkeit ihrer Gewürze sollte offenbar von den Clayr in der Küche gehört werden.
    Lirael schnupperte. Vielleicht entsprachen diese Behauptungen sogar der Wahrheit. Der Duft von Nelken und Muskat aus den Säcken der Kaufleute war sehr kräftig, doch angenehm. Lirael empfand es als gutes Omen.
    Am dritten Tisch saßen die Wachen der Kaufleute. Selbst hier, im Innern des Clayr-Gletschers, trugen sie Kettenhemden, und ihre Schwerter lagen in Griffnähe unter dem Tisch. Anscheinend befürchteten sie, dass Banditen oder Schlimmeres dem schmalen Weg entlang der Klamm folgen und das Tor stürmen könnten, das zum riesigen Komplex der Clayr führte.
    Sie hätten die meisten Schutzmaßnahmen natürlich nicht sehen können. Auf dem Pfad wimmelte es nur so von Charterzeichen des Versteckens und Blendens, und unter den flachen Wegsteinen befanden sich tierische und kriegerische Sendlinge, die bei der kleinsten Bedrohung auftauchten. Auch führte der Pfad nicht weniger als siebenmal auf schmalen Brücken uralter Bauweise über den Fluss. Diese Brücken sahen aus, als wären sie aus Stein gesponnen. Sie waren leicht zu verteidigen, denn der unter ihnen fließende Ratterlin war tief und strömte schnell genug, um jeden Toten von einer Überquerung abzuhalten.
    Selbst hier, im Unteren Refektorium, ruhte Chartermagie in den Wänden, und Sendlinge schliefen in den grob gehauenen Steinen des Fußbodens und der Decke. Lirael vermochte die Charterzeichen zu sehen, so fein sie auch waren, und die Zauber zu ergründen, für die sie standen. Bei den Sendungen war es schwieriger. Natürlich gab es auch klar erkennbare Symbole, die hier und überall in der unterirdischen Domäne der Clayr ihr ganz besonderes Licht ausstrahlten. Sie waren ins Gestein des Berges gebohrt, gleich neben der eisigen Masse des Gletschers.
    Lirael studierte unauffällig die Gesichter der Besucher. Dank ihres Bürstenhaarschnitts war deutlich zu erkennen, dass nicht einer das Charterzeichen auf der Stirn trug. Deshalb waren sie auch nicht fähig, die Magie wahrzunehmen, die sie umgab. Unwillkürlich schob Lirael die Hand unter ihr langes Haar, das bis in die Stirn hing, und tupfte auf ihr Zeichen. Es pulsierte leicht unter ihrer Berührung, und sie spürte Verbundenheit und das Gefühl, zu der Großen Charter zu gehören, die die Welt beschrieb. Zumindest war Lirael ein Chartermagier, auch wenn sie die Sicht nicht hatte.
    Die Wachen der Kaufleute sollten mehr Vertrauen in die Verteidigungsmethoden der Clayr haben, dachte sie bei einem erneuten Blick zu den gerüsteten Männern und Frauen. Einer von ihnen bemerkte, dass Lirael zu ihnen hinüberschaute; ihre Blicke trafen sich, ehe Lirael rasch den Kopf abwandte. In diesem flüchtigen Moment sah sie einen jungen Mann, dessen Haar noch kürzer geschoren war als das der anderen, so dass seine Haut glänzte, wenn sie das Licht der Charterzeichen in der Decke fing.
    Obwohl sie versuchte, ihn nicht zu beachten, sah Lirael ihn aufstehen und zu ihr herüberkommen. Sein Kettenhemd war zu weit und lang für jemanden, der erst in einigen Jahren seine volle Größe erreichen würde. Lirael machte ein finsteres Gesicht, als er sich näherte, und wandte den Kopf noch mehr ab. Nur weil die Clayr sich hin und wieder einen Liebhaber aus den Reihen der Besucher nahmen, bildeten manche sich ein, dass jede Clayr, die ins Untere Refektorium kam, auf einen Mann aus war. Der Junge – er war ungefähr sechzehn – schien jedenfalls überzeugt davon zu sein.
    »Verzeiht«, sagte er. »Darf ich mich setzen?«
    Lirael nickte widerstrebend. Als er Platz nahm, flossen die Kettenglieder seiner Rüstung rasselnd hinab wie ein träger Wasserfall.
    »Ich bin Barra«,

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