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Darwinia

Darwinia

Titel: Darwinia
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Prolog
     
     
     
    1912: MÄRZ
     
    In der Nacht, da sich die Welt veränderte, wurde Guilford Law vierzehn. Jene Nacht war die historische Wasserscheide, die alles, was folgte, von dem schied, was bis dahin gewesen war; doch bis dahin war der Tag nichts weiter als sein Geburtstag gewesen. Ein Samstag im März, kalt und unter einem wolkenlosen Himmel so tief wie ein Winterteich. Den Nachmittag hatte er mit seinem älteren Bruder verbracht, draußen, Dampf in die raue Luft hechelnd, hatten sie Holzreifen vor sich her getrieben.
    Seine Mutter servierte zum Dinner Schweinefleisch und Bohnen, Guilfords Lieblingsspeise. Den ganzen Tag hatte die Kasserolle im Ofen geköchelt und die Küche mit dem süßen Duft von Ingwer und Melasse geschwängert. Er hatte ein Geschenk bekommen: ein gebundenes Buch mit leeren Seiten, in das er seine Bilder malen sollte. Und einen neuen Pullover, marineblau, zum Hineinwachsen.
    Guilford war 1898 geboren; beinah zusammen mit dem neuen Jahrhundert. Er war das jüngste von drei Kindern. Er gehörte mehr als sein Bruder und mehr als seine Schwester zum ›neuen Jahrhundert‹, wie seine Eltern es bis heute nannten. Für ihn selbst war es nicht neu. Eigentlich hatte er schon immer darin gelebt. Er wusste, wie Elektrizität funktionierte. Er verstand sogar das Funken. Er war ein Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts, der mit heimlichem Spott auf die verstaubte Vergangenheit blickte, die Vergangenheit aus Gaslicht und Mottenkugeln. Hatte Guilford Geld in der Tasche, was ziemlich selten vorkam, dann kaufte er sich eine Ausgabe von Modern Electrics und las darin, bis die Seiten aus dem Leim gingen.
    Die Familie wohnte in einem bescheidenen Reihenhaus in Boston. Sein Vater war Schriftsetzer in der Innenstadt. Sein Großvater, der oben im Haus direkt neben der Stiege zum Dachboden wohnte, hatte im Bürgerkrieg beim 13. Massachusetts gekämpft. Guilfords Mutter kochte, putzte, teilte das Geld ein und zog in dem winzigen Hintergärtchen Tomaten und grüne Bohnen. Sein Bruder, hieß es einhellig, würde eines Tages Arzt oder Anwalt sein. Seine Schwester war dünn und still und las zum Leidwesen seines Vaters Romane von Robert Chambers. [1]
    Es war nach Guilfords Schlafenszeit, als der Himmel ganz hell wurde, doch er hatte aufbleiben dürfen, sei es aus einer allgemeinen Verwöhnlaune heraus oder einfach, weil er nun älter war. Guilford verstand nicht, was los war, als sein Bruder sie alle zum Fenster rief, und als sie dann alle aus der Küchentür stürzten, sogar sein Großvater, um dazustehen und in den Nachthimmel zu starren, da dachte er zuerst, die ganze Aufregung habe etwas mit seinem Geburtstag zu tun. Die Idee war falsch, das wusste er, aber sie war so griffig. Sein Geburtstag. Die Lichtfahnen in allen Farben des Regenbogens über dem Haus. Der ganze östliche Himmel stand in Flammen. Vielleicht brannte da etwas. Weit weg am Meer.
    »Es sieht aus wie die Morgenröte«, hauchte seine Mutter verzagt.
    Diese Morgenröte schimmerte wie ein Vorhang in einer sanften Brise und warf zarte Schatten über den weiß getünchten Zaun und den winterbraunen Garten. Die herrliche Wand aus Licht, bald grün wie Flaschenglas, bald blau wie das Abendmeer, sie war lautlos. So lautlos wie der Halleysche Komet vor zwei Jahren.
    Seine Mutter musste auch an den Kometen gedacht haben, denn sie sagte dasselbe wie vor zwei Jahren: »Es sieht aus wie das Ende der Welt…«
    Wieso sagte sie das? Wieso verschränkte sie die Hände und beschirmte die Augen? Guilford, innerlich frohlockend, hielt das nicht für das Ende der Welt. Sein Herz schlug wie eine Standuhr, die einer anderen Zeit gehorchte. Vielleicht war das ja ein Anfang. Nicht das Ende, sondern der Anfang einer Welt. Ähnlich wie eine Jahrhundertwende.
    Das Neue machte Guilford keine Angst. Der Himmel erschreckte ihn nicht. Er glaubte an die Wissenschaft, welche (den Magazinen zufolge) die Geheimnisse der Natur eins ums andere lüftete und der uralten Ignoranz der Menschheit mit geduldigen und hartnäckigen Fragen zu Leibe rückte. Guilford glaubte zu wissen, was Wissenschaft war. Wissenschaft war nichts weiter als Neugierde… gemäßigt durch Bescheidenheit und durch Geduld diszipliniert.
    Wissenschaft hieß Hinsehen – ein ganz besonderes Hinsehen. Ein besonders kritisches Hinsehen, wann immer man etwas nicht verstand. Sich die Sterne ansehen zum Beispiel und keine Angst vor ihnen haben, sie nicht verehren, einfach nur Fragen stellen, die Frage finden, die

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