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Dann press doch selber, Frau Dokta!: Aus dem Klinik-Alltag einer furchtlosen Frauenärztin (German Edition)

Dann press doch selber, Frau Dokta!: Aus dem Klinik-Alltag einer furchtlosen Frauenärztin (German Edition)

Titel: Dann press doch selber, Frau Dokta!: Aus dem Klinik-Alltag einer furchtlosen Frauenärztin (German Edition)
Autoren: Dr. Josephine Chaos
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Erster und zweiter Schwangerschaftsmonat
    Was Scarlett O’Hara und Dr. Messer mit Schokoweihnachtsmännern zu tun haben
    Es gibt Momente im Leben, die sind einzigartig! Großartig! Wunderbar! Hochzeiten zum Beispiel, Taufen, Liebe auf den ersten Blick …
    Aber das meine ich alles gar nicht. Es geht mir um die kleinen Höhepunkte des medizinischen Alltags, wenn alles um einen herum so absolut stimmig ist, dass man vor Freude jauchzen könnte.
    Der perfekte Operationstag, zum Beispiel: Wenn dich dein Lieblingsteam schon am frühen Morgen mit einer La-Ola-Welle begrüßt, nur weil dein iPod die richtige Musik spielt. Bevor es dann ernst wird, schnell noch die obligatorische Prä-OP-Tasse-Kaffee mit dem uralten Oberarzt der Anästhesie trinken, der ganz sicher noch persönlich miterlebt hat, wie Scarlett O’Hara anno 1860 in wagenradgroßen Taftröcken über die Kriegsschauplätze von Atlanta gewatet war. Und schließlich: entspanntes Operieren mit dem Lieblingschef. Wenn der dann mal wieder völlig entfesselt, obwohl absolut bewegungslethargisch zu einem Abba-Song um den OP-Tisch tänzelt, während du liebevoll die letzte Hautnaht setzt, dann wird einem klar: Dann ist das ein guter Tag!

    Selbst Nachtdienste können Charme haben. Ich persönlich mag die unruhigen ja am liebsten: gerne mehrere Gebärende hintereinander weg, dazwischen ein bisschen Ambulanzarbeit, kurzer Tratsch mit Schwester Notfall und die obligatorische Gute-Nacht-Cola mit Dr. Messer (Chirurg, von der netten Sorte). Wenn es dann im Kreißsaalstützpunkt richtig gemütlich, weil brechend voll ist, und es Kantinenessen, Kissen und Klatsch-Journale in rauen Mengen gibt – idyllisch untermalt vom monotonen Klopfen des Wehenschreibers –, mal ernsthaft : Wer will dann schon zu Hause schlafen? Ich ganz sicher nicht.
    Okay, das ist dann doch nur die halbe Wahrheit. Denn daheim warten schließlich ein Mann, drei Kinder, diverse Tiere und ein umfassender Haushaltsplan auf mich, die – bitte, danke – auch alle beachtet werden möchten.
    Sicher, die Kinder sind schon ziemlich groß und müssen nicht mehr rund um die Uhr bemuttert werden. Und auch der Mann macht mir das Arbeiten in jeder Hinsicht denkbar einfach: In all den Jahren unserer Elternschaft gab es – abgesehen vom Gebären und Stillen – nichts, was er als Vater nicht ebenso gut gekonnt hat. Dennoch wünsche ich mir manchmal eine kleine, schnuckelige Privatpraxis, inklusive geregeltem Nine-To-Five-Job, einer Zwei-Stunden-Mittagspause (täglich!) sowie sämtliche Wochenenden, Nächte und selbstverständlich alle nationalen Feiertage frei. Ach, wäre das schön!
    Auf der anderen Seite steh ich ja auch ein bisschen auf Feiertagsdienste in der Klinik. Vor allem auf die ganz großen wie Weihnachten und Silvester. Es mag vielleicht an den bunten Lichtern und den Kitschengeln am Plastikweihnachtsbaum liegen, dass an diesen Tagen alle ein bisschen runterreguliert sind. So gibt es dann auch morgens statt des täglichen Routinegemotzes von Oberschwester Elvira erst einmal belegte Semmeln, hartgekochte Eier und leckere Schokoweihnachtsmänner. Anschließend rollt der Visite-Konvoi entspannt und glänzend gelaunt an den wenigen Patientinnen vorbei, die zu krank sind oder gerade erst entbunden haben, um heimgehen zu können. Und gleich danach findet man sich auch schon wieder zur nächsten gemeinsamen Mahlzeit ein. Ach, könnte es doch immer so sein …
    Doch wie so oft im Leben gibt es neben gleißendem Sonnenlicht jede Menge Schatten: Da wird man von Friede, Freude, Plätzchenessen unterm Tannenbaum schneller wieder in die Realität katapultiert, als einem lieb ist. Zum Beispiel durch eine Geburt, die nicht annähernd so glatt läuft, wie das Lehrbuch es vorschreibt. Oder durch jede Menge schlechtgelauntes Pflegepersonal, unzuverlässige Kollegen oder zu viel Verantwortung für zu wenig Geld. Aber dann fällt einem plötzlich im größten Durcheinander wieder ein, warum sich frau für diesen und keinen anderen Beruf entschieden hat: Es sind die schönen Momente, die es rausreißen, das, was die Sekretärin, der Richter, die Lehrerin und selbst Germany’s next Top Model nicht erleben: Gestandene Mannsbilder, die heulend vor Glück ihr Erstgeborenes im Arm halten. Ein Tumor, der sich Dank modernster Chemotherapie in gesundes Nichts aufgelöst hat.
    Menschen Hoffnung geben. Oder Zeit. Oder beides. Wie großartig ist das denn?
    Und man weiß mit einem Mal wieder: Niemals und auf gar keinen Fall

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