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Cristóbal: oder Die Reise nach Indien

Cristóbal: oder Die Reise nach Indien

Titel: Cristóbal: oder Die Reise nach Indien
Autoren: Erik Orsenna
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Santo Domingo,
La Isla Española,
Weihnachten 1511,
im Palast des Vizekönigs
von Westindien
     
    D ass ich erzähle, war nicht vorgesehen.
    Träumen ist in unserer Familie Sache des ältesten Bruders. Und dieser Traum wurde unantastbar. Ob wir wollten oder nicht, Cristóbal hat uns alle an Bord genommen.
    Er wies jedem von uns eine Rolle zu.
    Meine war es, ihm Tag und Nacht beizustehen.
    Und zu schweigen.
    Es wäre mir nie eingefallen zu protestieren. Wozu sich gegen ein Gesetz wenden, wenn das Gesetz das eigene Herz ist?
    Ich habe gut daran getan einzuwilligen: So hat sich der Traum erfüllt.
    Das Alcazar in der neu errichteten Stadt Santo Domingo soll an Sevilla erinnern. Der Palast ist aber lediglich ein großer Block aus grauem Stein am Ufer des kleinen Flusses Ozama. Kommen Sie ruhig näher, Sie haben nichts zu befürchten, und treten Sie ein. Die Wachen werden Sie kaum belästigen: Sie schlafen die meiste Zeit, und ihr Schnarchen beweist, dass sie sich der edlen Tätigkeit des Schlummerns rückhaltlos hingeben. Wenden Sie sich nach links und durchqueren Sie die beiden Kapellen, die große und die kleine. Dann stoßen Sie, abermals zu Ihrer Linken, die Tür auf. Sie werden glauben, ein Grabmal zu betreten, so leer und dunkel ist das Zimmer. Das ist die herrliche und düstere Wohnstatt, die der Vizekönig mir zugedacht hat. Der Vizekönig ist Diego, mein Neffe: Cristóbals einziger ehelicher Sohn.
    Oft werde ich gefragt, welche unbegreifliche Kraft mich, Bartolomeo, eigentlich zwingt, noch länger auf dieser Insel zu bleiben. Warum muss mein letzter Wohnort Hispaniola sein und nicht einer jener Orte auf der Erde, an denen es zuverlässigere Lustbarkeiten, offensichtlichere Annehmlichkeiten und ganz gewiss bessere Ärzte gibt? Warum nicht Lissabon, Euer geliebtes Lissabon, oder das französische Loiretal mit seiner unvergleichlichen Sanftheit?
    Je nachdem, wie die Tage sind, nehme ich einen der zahllosen Gründe, die mir diese Insel so lieb machen: die Vielfalt der Vögel, die neun Farben des Meeres, die Nähe der Berge, die Gewalt der Stürme, der umwerfende Duft der Frauen, die ebenso umwerfende Kühnheit der kleinen Mädchen und der Blumen, die sich überall hindurchschlängeln und die unzüchtigsten Posen einnehmen…
    Die Hauptsache verschweige ich.
    Entgegen unserem jugendlichen Ehrgeiz haben Cristóbal und ich mit dieser Insel nicht das wahre Paradies entdeckt, das Paradies der Heiligen Schrift. Aber wir sind ihm denkbar nahe gekommen. Ich besitze noch genug klaren Verstand, um zu erkennen, dass die Wahl von Hispaniola zum Wohnsitz mich nicht vor dem Tod bewahrt, den ich mit großen Schritten nahen sehe. Ich weiß allerdings, dass ich mich hier wie nirgendwo sonst der anderen Flüche des Alters erwehren kann: des ständigen Fröstelns trotz Hitze; der grausamen Schmerzen in den Gelenken; der quälenden Fragen der Erinnerung.
    Auf Hispaniola scheint jede Nacht die Erinnerung an den verflossenen Tag auszulöschen: Jede Morgenröte, die über dem noch ruhigen Meer heraufzieht, ist neu, rein, leicht. Keine Vergangenheit lastet auf ihr, ich meine, keine Verfehlung.
    Wie die Erde ihre Abgründe hat, in denen das Leben nicht denselben Gesetzen folgt wie an der Oberfläche, so hat die Zeit ihre Löcher.
    Mir fehlen die Gelehrten. Sie könnten mir dieses Phänomen erklären. Gewiss liegt es daran, dass die Stunden durch die Entfernung,unsere Lage am Rande des Abendhimmels, langsamer vergehen.
    Soll ich das Geständnis wagen, dass ich in dieser Art von ständiger Gegenwart so friedlich lebe wie nie zuvor? Befreit von den Strapazen des Träumens, seit Cristóbal von dieser Welt geschieden ist, aber auch frei von Reuegefühlen, die das Heer meiner Sünden nach sich ziehen müsste.
    An jenem Sonntag, dem ersten Advent 1511, wurden wir, die Stadt und ich, gemeinsam wachgerüttelt. Ich liebe diesen Palast für seine Mauern aus Korallenkalk, die für Geräusche durchlässig sind. Zuerst höre ich immer die Vögel, die die Rückkehr des Tages begrüßen, dann die hustenden und spuckenden Männer; die schnaubenden Pferde, das Knarren der Wagen; das erste Knirschen der Sägen. Eine Karavelle kommt an. Ich kann hören, welches Segel man einbindet, an welchem Ankerplatz im Hafen sie festmachen wird. Die Hunde bellen. Sie bellen weiter, immer lauter, solange sie nicht gefüttert werden. Ein neuer Tag setzt sich in Bewegung, schwer wie ein Schiff, das sich vom Kai entfernt. Jedem dieser neuen Tage danke ich dafür, dass er mich

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