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Congo

Congo

Titel: Congo
Autoren: Michael Crichton
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Vorbemerkung
    Nur unsere Vorurteile und die Verzerrung durch die Mercator-Projektion hindern uns daran, die ungeheure Größe des afrikanischen Kontinents zu erkennen. Mit seinen rund dreißig Millionen Quadratkilometern ist Afrika beinahe ebenso groß wie Europa und Nordamerika zusammen. Und es ist annähernd zweimal so groß wie Südamerika. So wie wir seine Ausmaße unterschätzen, verkennen wir auch die Natur des »dunklen« Erdteils: Er besteht größtenteils aus heißen Wüstenstrichen und offenen Grassteppen. Tatsächlich trägt Afrika die Bezeichnung »dunkler Erdteil« nur aus einem einzigen Grund: Sie ist eine Anspielung auf die äquatorialen Regenwälder in seiner Mitte. Sie bilden das Einzugsgebiet des wasserreichen — Kongo und nehmen etwa ein Zehntel der Fläche des afrikanischen Kontinents ein — knapp vier Millionen Quadratkilometer schweigenden, feuchten, dunklen Waldes, ein einziger gleichförmiger Gürtel, sechzehnmal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Dieser Urwald existiert seit über sechzig Millionen Jahren in unveränderter Gestalt, war nie ernsthaft bedroht.
    Noch heute leben nur rund eine halbe Million Menschen im Kongo-Becken, meist dicht beieinander in Dörfern, die an den Ufern der trägen, den Dschungel durchziehenden, schlammigen Flüsse liegen. Die große Weite des Waldes bleibt unangetastet, und bis auf den heutigen Tag sind Gebiete von Tausenden von Quadratkilometern noch gänzlich unerforscht. Das gilt vor allem für den nordöstlichen Bereich des Kongo-Beckens, am Rande des zentralafrikanischen Grabens, wo der Regenwald bis an die Virunga-Vulkane heranreicht.
    Da es dort weder Handelswege noch interessante Güter gab, gelangten die Weißen erst vor weniger als hundert Jahren in jene Gegend. Das Wettrennen um die »wichtigste Entdeckung der achtziger Jahre« fand 1979 im Kongo statt und erstreckte sich über sechs Wochen. Dieses Buch schildert die dreizehn Tage der letzten amerikanischen Expedition in den Kongo, im Juni 1979, gut hundert Jahre nach seiner ersten Erforschung durch Henry Morton Stanley in den Jahren 1874 bis 1877. Wer die beiden Expeditionen vergleicht, erkennt, in welchem Maße sich im dazwischenliegenden Jahrhundert die Erforschung Afrikas geändert — oder auch nicht geändert — hat.
    Stanley — wir kennen ihn als den Korrespondenten des New York Herold, der 1871 den verschollenen Livingstone fand. Seine eigentliche Bedeutung jedoch liegt in späteren Unternehmungen.
    Moorehead nennt ihn »eine neue Spielart des Menschen in Afrika… Forscher und Geschäftsmann in einem… Stanley ging nicht nach Afrika, um die Afrikaner zu bekehren oder um ein Imperium zu errichten, und ihn trieb auch nicht das Interesse an Dingen wie Anthropologie, Botanik oder Geologie.
    Er war schlicht gesagt darauf aus, sich einen Namen zu machen.« Als Stanley 1874 erneut nach Sansibar aufbrach, wurde er wiederum von Zeitungen großzügig finanziell unterstützt.
    Neunhundertneunundneunzig Tage später tauchte er am Atlantik wieder aus dem Dschungel auf, nach unglaublichen Entbehrungen und dem Verlust von mehr als zwei Dritteln seiner ursprünglichen Begleiter. Und nun hatten er und die ihn finanzierenden Zeitungen eine der großen Geschichten des Jahrhunderts zu berichten: Stanley war dem gesamten Lauf des Kongo gefolgt. Zwei Jahre darauf allerdings kehrte er unter gänzlich anderen Umständen nach Afrika zurück. Er reiste unter einem angenommenen Namen, lenkte neugierige Verfolger mit Hilfe von Scheinexkursionen von seiner Fährte ab, und die wenigen, die überhaupt wußten, daß er sich in Afrika aufhielt, konnten nur vermuten, daß er einen »ganz großen geschäftlichen Coup« im Sinne hatte.
    Tatsächlich war sein Geldgeber König Leopold II. von Belgien, der für sich persönlich einen großen Teil Afrikas erwerben wollte. »Es geht nicht um Kolonien für Belgien«, schrieb er an Stanley, »sondern um die Schaffung eines neuen Staates, so groß wie nur eben möglich… Der König als Privatperson möchte Besitz in Afrika erwerben. Das Land Belgien will keine Kolonie und auch keine überseeischen Besitzungen. Daher muß Mr. Stanley Grund und Boden erwerben oder sich übertragen lassen…« Dieser unglaubliche Plan wurde tatsächlich ausgeführt. Ein Amerikaner sagte 1885, König Leopold gehöre der Kongo, »so wie Rockefeller die Standard Oil gehört«. Ein zutreffender Vergleich in mehrfacher Hinsicht: Die Erforschung Afrikas war inzwischen von Geschäftsinteressen

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