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Commissario Brunettis zwanzigster Fall - Reiches Erbe

Commissario Brunettis zwanzigster Fall - Reiches Erbe

Titel: Commissario Brunettis zwanzigster Fall - Reiches Erbe
Autoren: Donna Leon
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[7]  1
    D a Anna Maria Giusti seit vielen Jahren literarische Texte aus dem Englischen und Deutschen ins Italienische übersetzte, kannte sie sich mittlerweile auf allen möglichen Gebieten aus. Gerade hatte sie ein amerikanisches Selbsthilfebuch fertig, in dem es um die Bewältigung von Gefühlskonflikten ging. Über manche einfältige Formulierung - die auf Italienisch noch einfältiger klang - hatte sie nur kichern können, einiges aber ging ihr nach, während sie die Treppe zu ihrer Wohnung hochstieg.
    »Man kann derselben Person gegenüber zwei ganz widersprüchliche Empfindungen hegen.« Genau das traf auf ihre Gefühle für den Mann, den sie liebte, zu, dessen Familie sie gerade in Palermo besucht hatte. »Auch Menschen, die wir gut zu kennen glauben, sind in einer anderen Umgebung bisweilen nicht wiederzuerkennen.« »Anders« war kein Wort für das, was sie in Palermo erlebt hatte. »Andersartig«, »exotisch«, »befremdend«: nicht einmal diese Wörter fingen es ein, aber wie es dann in Worte fassen? Hatten sie nicht alle ein telefonino ? Waren sie nicht alle tadellos gekleidet und hatten gute Manieren? An der Sprache lag es auch nicht, denn sie alle sprachen ein Italienisch, das eleganter war als alles, was sie von ihren venezianischen Angehörigen und Freunden her gewohnt war. Und an Geld fehlte es schon gar nicht, der Reichtum von Nicos Familie war auf Schritt und Tritt zu spüren.
    Sie hatte in Palermo seine Familie kennenlernen wollen, [8]  war aber nicht etwa bei ihnen zu Hause aufgenommen worden, man hatte sie vielmehr im Hotel einquartiert, einem Hotel mit mehr Sternen, als sie sich als Übersetzerin hätte leisten können; doch die Rechnung hatte man ihr ohnedies nicht ausgehändigt, obwohl sie mehrmals darum bat.
    »Nein, Dottoressa«, hatte ihr der Hoteldirektor lächelnd erklärt, »das hat L’Avvocato schon erledigt.« Nicos Vater. »L'Avvocato«. Bei der Begrüßung hatte sie ihn mit »Dottore« angesprochen, doch diese höfliche Anrede hatte er wie eine Fliege verscheucht. »Avvocato« hatte sie einfach nicht über die Lippen gebracht und daher fortan alle in der Familie mit dem förmlichen »Lei« angesprochen.
    Zwar hatte Nico sie gewarnt, es werde nicht einfach sein, aber so schlimm hatte sie es sich dann doch nicht ausgemalt. Er begegnete seinen Eltern mit Ehrerbietung: Bei jedem anderen Mann als dem, den sie zu lieben glaubte, hätte sie ein solches Verhalten als kriecherisch bezeichnet. Wenn seine Mutter ins Zimmer kam, küsste er ihr die Hand, und wenn sein Vater nahte, erhob er sich.
    An einem Abend weigerte sie sich schließlich, mit der Familie zu speisen. Nach einem hastigen Essen im Restaurant brachte er sie ins Hotel, gab ihr im Foyer einen Kuss und wartete, bis sie im Aufzug verschwunden war, um seinerseits lammfromm im Palazzo seiner Familie zu übernachten. Als sie am nächsten Tag fragte, was das sollte, antwortete er, so seien hier nun einmal die Sitten. Noch am selben Nachmittag, als er sie ins Hotel zurückbrachte und ankündigte, er werde sie um acht wieder zum Essen abholen, sagte sie ihm vorm Hotel lächelnd auf Wiedersehen, ging hinein und erklärte dem jungen Mann an der Rezeption, sie [9]  wolle auschecken. Dann ging sie in ihr Zimmer, packte, rief ein Taxi und hinterließ Nico am Empfang eine Nachricht. Für den Abendflug nach Venedig gab es nur noch einen Platz in der Businessklasse, aber den nahm sie gern, als kleinen Ausgleich für die Hotelrechnung, die sie nicht selbst hatte bezahlen dürfen.
    Ihr Koffer war schwer und polterte laut, als sie ihn auf dem ersten Treppenabsatz abstellte. Giorgio Bruscotti, der ältere Sohn ihrer Nachbarn, hatte seine Sportschuhe vor der Tür stehen lassen, aber heute Abend freute sie sich geradezu darüber: Bewies es doch, dass sie wieder zu Hause war. Sie hob den Koffer und schleppte ihn in den zweiten Stock, wo sie wie erwartet ordentlich verschnürte Packen von Famiglia cristiana und Il Giornale liegen sah. Signor Volpe, der im hohen Alter zum leidenschaftlichen Umweltschützer geworden war, stellte das gesammelte Altpapier immer schon am Sonntagabend vor die Tür, obwohl es erst dienstagmorgens abgeholt wurde. Sie war so froh über den wieder eingekehrten Alltag, dass sie nicht einmal wie sonst üblich murmelte, diese beiden Presseerzeugnisse gehörten ohnehin in den Müll.
    Der dritte Absatz war leer, ebenso der Tisch links von der Tür. Anna Maria war enttäuscht, denn entweder hieß das, im Lauf der Woche war keinerlei

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