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Columbus

Titel: Columbus
Autoren: Waldtraut Lewin
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Die Brücke bei Pinos Puente
    Der Vorfrühling 1492 ist nasskalt und neblig hier in Andalusien. Die Wege sind voller Schlamm.
    Das Maultier ertastet sich vorsichtig seinen Weg durch knietiefen Dreck. Die langen Beine des Reiters baumeln rechts und links zu seinen Flanken herunter wie zwei Pendel oder wie die Ruder an einem Boot.
    Andalusien - das war einmal ein blühendes Land. Jetzt, nach sechs Jahren Krieg, ist die einst so üppige Tiefebene des Guadalquivir eine Wüstenei. Die Mandelbäume und Olivenhaine sind abgeholzt, die Brunnen wurden zugeschüttet, die weit verzweigten Bewässerungssysteme zerstört, die Herden wurden fortgetrieben. Schlamm, Dreck, verbrannte Erde haben die Spanier zurückgelassen.
    Das war ein strategisches Element dieses Krieges gegen die Mauren - die Mauren, jene arabischen Muslime, die seit Jahrhunderten im Süden der Halbinsel ihr von Wissenschaften, Künsten, Reichtum und Prosperität überquellendes Reich errichtet hatten. Nun sind sie besiegt, diese »Ungläubigen«, von Spaniens Boden vertrieben...
    Der Reiter guckt grimmig zwischen den wedelnden Ohren seines Reittiers nach vorn, ins neblige Nichts. Aus der Traum vom Miteinander der Religionen, den frühere Generationen noch hegten. Und ebenfalls aus sein Traum, übers grüne Meer der Dunkelheit zu segeln.
    Wie er so dahinzieht durch das verwüstete Gebiet, ein Mann, viel zu groß und zu schlaksig für das kleine Muli, das Barett tief in die Stirn gezogen, den Kopf gesenkt, die Hände in den Lederhandschuhen lässig am Zügel, zwei schwere Satteltaschen, gefüllt mit Büchern und Landkarten, auf der Kruppe des Tiers festgezurrt (seine ganze Habe!), da gleicht er wahrhaftig einem Ritter von der traurigen Gestalt, wie ihn Cervantes zweihundert Jahre später in der Figur des Don Quichote verewigen wird. Ein komischer Kauz, ein Verlorener, ein Schwärmer.
    Aber lassen wir uns nicht täuschen! Wenn wir näher hinsehen, werden wir bemerken: Dieser Mann in der Mitte seines Lebens, weißhaarig schon trotz seiner vierzig Jahre, mit den seltsam verschleierten und gleichzeitig forschenden Augen von der unbestimmten Farbe des Meeres, er ist in diesem Augenblick alles andere als melancholisch und resigniert.
    Er kocht vor Zorn und gekränktem Stolz.
    So dicht schien er am Ziel, so nah daran, seine Vision zu verwirklichen! Dass seine eigenen Forderungen ihm die Absage eingetragen haben, das will er nicht begreifen, auch wenn seine Freunde es ihm immer wieder händeringend klar zu machen versuchten. Denn allen anderen erschien maßlos, was für Bedingungen er den Majestäten diktieren wollte - nur für ihn waren diese Dinge eine Selbstverständlichkeit...
    Aber vielleicht ist dieser sein Auszug auch eine Flucht? Musste er nicht fürchten, dass man hinter seine Maske blicken könnte? Denn in diesem Spanien des Jahres 1492 ist die Gefahr für ihn größer denn je. Nun, wo das junge Großreich seinen äußeren Feind bezwungen hat, wendet es sich mit aller Schärfe gegen jene, die der Vorstellung von »reinblütigen Christen« nicht entsprechen. Der Mann weiß sehr genau: Wenn man seinen Stammbaum durchforsten würde, wenn man nach den sieben christlichen Generationen suchen würde, die einem die »limpieza de sangre«, die »Reinheit des Bluts« genannte Bescheinigung eintragen, würde man sehr bald entdecken, dass es bei ihm da gewisse Schwierigkeiten gibt.
    Und seine Vertrauten am Hof waren noch dazu ein Umgang, der ihn verdächtig machte...
    Der Mann zieht seinen Mantel fester um die Schultern. Arrogantes, hochnäsiges Pack! Geizig durch und durch, ohne Fantasie, ohne Vorstellungskraft und Visionen!
    Dieser König - ein dümmlicher Schürzenjäger, der es ihm auf ewig übel nehmen wird, dass er ihm eine Geliebte ausgespannt hat! Diese Königin - eine kluge Frau zweifellos, aber borniert und gefangen in ihrem eifernden Glauben und ohne die Fähigkeit, einmal den Blick nach vorn zu schicken, und ihren frömmelnden Beratern allzu ergeben! Und am schlimmsten natürlich sein Erzfeind, der Chef einer neu gegründeten kirchlichen Behörde, die sich Inquisition nennt und nach Ketzern jagt.
    Weg, nichts als weg! Zuerst nach Cordoba, zu seinem Bruder. Und dann an einen anderen Königshof, wo man vorurteilsfreier ist und vielleicht endlich ein offenes Ohr haben wird für ihn, wo man die unglaublichen Angebote,

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