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Codename Sparta 03 - Das Mars-Labyrinth

Codename Sparta 03 - Das Mars-Labyrinth

Titel: Codename Sparta 03 - Das Mars-Labyrinth
Autoren: Paul Preuss
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PROLOG
    Dare Chin war kein nervöser Mensch, aber heute abend war er gereizt. Das lag hauptsächlich an dieser verdammten Tafel, der berüchtigten marsianischen Tafel. Man hatte sie vor zehn Jahren irgendwo am Rand der Eiskappen des Nordpols entdeckt, wo genau, wußte niemand, denn ihr Finder hatte dieses Geheimnis für sich behalten wollen. Das war ihm auch gelungen, denn kurz darauf kam er bei einem Bohrunfall ums Leben.
    Die Tafel bestand aus einem Bruchstück einer Metallegierung mit spiegelglatter Oberfläche von der Größe eines zerbrochenen Tellers, das Zeile für Zeile mit unentzifferbaren Symbolen beschrieben war. Nachdem man sie gefunden und ihre Echtheit bewiesen hatte, stand fest, daß sich auf dem Mars bereits eine Milliarde Jahre vor der Entwicklung des Menschen auf der Erde Lebewesen herumgetrieben hatten, die schreiben konnten – denn daß es sich bei den Zeichen um Schrift handelte, nahm jeder an, obwohl es niemand bewiesen hatte.
    Die Tafel befand sich in der unteren Halle des Rathauses – wo sie schon während der letzten zehn Jahre gewesen war. Es war nicht etwa eine Kopie, was verständlich gewesen wäre, sondern die echte Tafel, die, soweit man wußte, einzigartig im gesamten Universum und somit gewiß unbezahlbar war. Daß man die echte Tafel und nicht eine Kopie ausstellte, lag daran, daß sie eine der Attraktionen war, die die Touristen auf den Mars lockte. Außerdem, wer sollte sie schon stehlen?
    An diesem Abend machte Chin Überstunden, um sie zu bewachen. Er hatte eigentlich Besseres zu tun oder zumindest etwas anderes. Chin war der stellvertretende Bürgermeister von Labyrinth City, der größten Siedlung auf dem Mars – einer Stadt, die Wasser benötigte, und das auf einem Planeten, auf dem das wenige vorhandene Wasser sich in der trockenen, dünnen Atmosphäre sofort von Eis zu Dampf verflüchtigte, einer Stadt, deren Bürger Sauerstoff zum Atmen brauchten, auf einem Planeten, dessen atmosphärischer Druck weniger als ein Prozent des Erddrucks betrug, und die sich warm halten mußten, auf einem Planeten, dessen Temperatur während der Hitzewellen auf gemütliche fünf Grad unter Null stieg, einer Stadt, die ihre Abwässer auf einem Planeten loswerden mußte, der keine Mikroorganismen beherbergte, die sie verarbeiten konnten.
    Neben diesen alltäglichen Anforderungen der städtischen Infrastruktur mußte der Stadtrat eine nicht zu kontrollierende, unzuvereinbarende Mischung von Einwohnern verwalten. Ein Drittel davon, die rauhbeinigen Arbeiter, lebte ständig dort, ein Drittel waren meist reiche Touristen auf der Durchreise, das letzte Drittel schließlich unterlag einem ständigen Wandel. Es bestand aus Künstlertypen, Wissenschaftlern und den Bürohengsten des Weltenrats.
    Der gelbe Papierberg auf Dare Chins Schreibtisch hätte jeden Verwaltungsbeamten zu Wut und Tränen oder an den Rand der Verzweiflung getrieben, vorausgesetzt, er glaubte an die Vervollkommnung der Menschheit – was man von ihm erwarten konnte, schließlich war er eingetragenes Mitglied der Interplanetarischen Sozialistischen Arbeiterpartei. Die Rauhbeine in der Siedlung, von denen es doppelt so viele Männer wie Frauen gab, betranken sich praktisch jedes Wochenende und gingen dann mit Messern aufeinander los. Die Touristen mußten sich täglich betrügen, ausrauben oder tödlich beleidigen lassen. Wissenschaftler und Bürokraten mit der angeblich besten Ausbildung besaßen die Moral von streunenden Katzen und verbrachten ihre Freizeit mit allen Spielarten des Partnertauschs.
    Zum Beispiel der Fall, der jetzt auf seine Erledigung wartete, die Dreipersonenehe zwischen einer Geologin und zwei Hydrologen: Sie wollten sich trennen, weil der Vertrag der Geologin mit dem Terraformingprojekt ausgelaufen und nicht verlängert worden war und sie sich zur Erde einschiffen und ihre gemeinsame Tochter mitnehmen wollte … Sie hatte das Kind zur Welt gebracht, ein Produkt der Fusion ihrer Keimzellen mit denen der anderen Frau. Der Ehemann und rechtmäßige ›Vater‹ hatte genetisch nichts dazu beigetragen, aber in diesem Sorgerechtsstreit stellte er sich auf die Seite seiner Hydrologenkollegin – beide hatten noch zwei Jahre ihres Arbeitsvertrages vor sich. Chin wäre es am liebsten gewesen, sie würden alle nach Straßburg zurückgehen und ihren Streit dort austragen, denn von dort stammten sie ursprünglich.
    Aber da es um Verträge ging, mußte er eine Verwaltungsentscheidung treffen, bevor der Fall an das
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