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Cocoon, Band 01

Cocoon, Band 01

Titel: Cocoon, Band 01
Autoren: G Albin
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PROLOG
    S ie kamen in der Nacht. Früher wehrten sich die Familien, und die Nachbarn eilten ihnen zu Hilfe. Aber jetzt, da Frieden herrscht und die Allmacht der Webstühle bewiesen ist, beten Mädchen dafür, einberufen zu werden. Heute kommen sie nur noch deshalb nachts, weil sie den grabschenden Händen der Menge entgehen wollen. Eine Webjungfer zu berühren, bringt Glück. Zumindest erzählt man uns das.
    Niemand weiß wirklich, warum einige Mädchen die Gabe besitzen. Natürlich gibt es Theorien. Dass sie vererbt wird. Oder dass kluge, aufgeschlossene Mädchen zu jeder Zeit das filigrane Webmuster des Lebens in der Welt um sich herum sehen können. Man sagt sogar, dass es ein Geschenk sei, das nur denen zuteilwird, die absolut reinen Herzens sind.
    Aber ich weiß es besser. Es ist ein Fluch.
    Seit meine Eltern gemerkt haben, dass ich über die Gabe verfüge, üben sie nachts mit mir. Sie lehrten mich, tollpatschig zu sein. Ich musste so lange mit Schüsseln und Krügen hantieren, bis es ganz natürlich aussah, wenn ich Wasser verschüttete oder etwas fallen ließ. Dann trainierten wir den Umgang mit dem Zeitgewebe. Meine Eltern ermutigten mich dazu, die seidigen Fäden mit geschickten Fingern aufzunehmen, nur um sie dann ineinander zu verheddern, bis sie verknotet und nutzlos herabhingen. Das war schwieriger als das Fallenlassen und Verschütten. Meine Finger wollten die zarten Fasern nahtlos mit der Materie verbinden. An meinem sechzehnten Geburtstag, als der Zeitpunkt für die Prüfungen gekommen war, verstellte ich mich so überzeugend, dass die anderen Mädchen zu tuscheln begannen. Wahrscheinlich würde man mich gleich wieder nach Hause schicken, flüsterten sie.
    Unfähig.
    Unbeholfen.
    Untalentiert.
    Vielleicht waren es die hinter meinem Rücken gezischten Bemerkungen, die wie feine Messerstiche meinen Entschluss schwächten. Oder das leise Lied des Übungswebstuhls, mit dem er mich anflehte, ihn zu berühren. Heute, am letzten Tag der Prüfungen, geriet ich schließlich ins Schwanken – meine Finger fädelten sich elegant durch die dahingleitenden Bande der Zeit.
    Heute Nacht werden sie mich holen.

EINS
    I ch kann die Tage zählen, bis der Sommer zu Ende geht, der Herbst in die Blätter kriecht und sie orange und braun färbt. Im Augenblick jedoch fällt mir das herrlich grün schimmernde Nachmittagslicht warm auf das Gesicht. Mit so viel Sonne auf meiner Haut ist alles möglich. Wenn die Sonne erst einmal fort ist – unerbittlich und präzise befolgen die Jahreszeiten ihr Programm – , nehmen die Dinge ihren vorherbestimmten Gang. Wie eine Maschine. Wie ich.
    Vor der Akademie meiner kleinen Schwester ist es ruhig. Außer mir wartet hier niemand darauf, dass die Mädchen herauskommen. Als die Prüfungen für mich begannen, hielt Amie ihren kleinen Finger hoch und ließ mich schwören, dass ich sie jeden Tag nach meiner Entlassung abholen würde. Mit dem Wissen, dass sie mich nun jederzeit einberufen und zu den Türmen des Konvents bringen können, fiel es mir nicht leicht, dieses Versprechen zu geben. Doch ich hielt es, sogar heute. Als Mädchen braucht man Halt, man muss sich auf etwas verlassen können. Auf das letzte Stück Schokolade der Monatsration, das gefällige Ende einer Sendung im Stream. Ich will, dass meine kleine Schwester sich an der Süße des Lebens freuen kann, auch wenn die Sommerhitze im Moment bitter schmeckt.
    Eine Glocke läutet, und eine Flut von Mädchen in karierten Kleidern ergießt sich aus dem Gebäude. Die vollkommene Stille ist mit einem Mal von ihrem Kichern und Rufen erfüllt. Amie, die seit jeher mehr Freundinnen hat als ich, springt ins Freie, umringt von anderen heranwachsenden und entsprechend ungelenken Mädchen. Ich winke ihr, und sie eilt mir entgegen, greift meine Hand und zieht mich in Richtung unseres Zuhauses. Etwas an der Art, wie sie mich jeden Nachmittag eifrig begrüßt, tröstet mich darüber hinweg, dass ich wenige Freundinnen in meinem Alter habe.
    »Hast du es geschafft?«, fragt sie mit atemloser Stimme, während sie vor mir her hüpft.
    Ich zögere einen Moment. Wenn jemand sich über meinen Fehler freuen wird, dann Amie. Sobald ich ihr die Wahrheit sage, wird sie vor Freude quietschen und in die Hände klatschen. Sie wird mich umarmen, und vielleicht kann ich von ihrer Freude zehren, mich damit anfüllen und mir einreden, dass alles gut werden wird.
    »Nein«, antworte ich, und sie macht ein langes Gesicht.
    »Ist schon in Ordnung«, sagt sie mit

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