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Clementine

Clementine

Titel: Clementine
Autoren: Sara Pennypacker
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1. KAPITEL
    So richtig toll war die Woche nicht.
    Na ja, Montag war gar nicht so schlecht, wenn man nicht zählt, dass es Überraschungs-Hamburger zum Mittagessen gab und dass Margret von ihrer Mutter abgeholt werden musste. Oder was im Büro der Rektorin passiert ist, als ich hingeschickt wurde, um zu erklären, dass nicht ich an Margrets Haaren schuld bin und dass die ihr doch außerdem gut stehen. Aber das konnte ich dann gar nicht erklären, denn Rektorin Rice war gerade weggegangen und versuchte Margrets Mutter zu beruhigen.
    Irgendwer sollte einem klarmachen, dass man im Büro der Rektorin nicht ans Telefon gehen darf, wenn das eine Regel ist.
    Gut, Montag war also auch kein richtig toller Tag.
    Das überraschte mich eigentlich, er fing nämlich mit zwei guten Vorzeichen an und die haben mich an der Nase herumgeführt. Erstens gab es genau genug Bananenscheiben in meinem Müsli, eine für jeden Löffel. Und als ich dann in die Schule kam, sagte die Lehrerin: »Die folgenden Schülerinnen und Schüler werden vom Tagebuchschreiben entschuldigt, um im Kunstsaal an ihren ›Willkommen in der Zukunft‹-Projekten arbeiten zu können.« Und ich gehörte zu den folgenden Schülerinnen!
    Statt mir also irgendwas aus den Fingern saugen zu müssen, was ich in mein Tagebuch schreiben könnte (das hasse ich nämlich), durfte ich kleben und malen und das finde ich super.
    Margret war auch im Kunstsaal. Als ich mich neben sie setzte, warf sie sich über die Prinzessin-aus-der-Zukunft-Maske, auf die sie gerade Glitzerkram klebte. »Denk an die Regeln«, sagte sie warnend.
    Margret ist in der vierten Klasse und ich bin in der dritten. Sie glaubt, das macht sie zu meiner Chefin. Ich hasse Margrets Regeln.
    »Du darfst meine Sachen nicht anfassen«, sagte sie. Das sagt sie immer.
    »Wieso?«, fragte ich. Das sage ich nämlich immer.

    »Weil das die Regel ist«, sagte Margret. Das sagt sie nämlich immer.
    »Wieso?«, fragte ich.
    »Weil du meine Sachen nicht anfassen darfst«, sagte sie.
    Und dann zeigte ich auf das Fenster. Das war nicht direkt eine Lüge, ich hab schließlich nicht behauptet, draußen wäre was zu sehen.
    Während Margret aus dem Fenster schaute, berührte ich aus Versehen ihre Maske.
    Okay, meinetwegen. Zweimal.
    Dann vertiefte ich mich in mein Projekt, um mir kein »Clementine, pass auf« anhören zu müssen.
    Aber das musste ich dann doch. Was unfair war, denn jedes Mal war ich der einzige Mensch im ganzen Kunstsaal, der aufpasste. Und deshalb konnte ich, während die Lehrerin irgendwas bestimmt total Unwichtiges erklärte, allen mitteilen, dass die Frau von der Essensausgabe beim Pförtner in der Loge saß und sie sich küssten. Schon wieder. Niemand sonst hatte dieses eklige Schauspiel miterlebt, weil niemand sonst aus dem Fenster aufpasste.
    Und danach, als ich den Tacker rumreichen sollte, konnte ich allen erzählen, dass der Schal der Kunstlehrerin einen Eierfleck hatte, der aussah wie ein Pelikan – wenn man die Augen fest zusammenkniff. Und das war sonst niemandem aufgefallen.
    »Clementine, du musst aufpassen!«, sagte die Kunstlehrerin noch einmal. Und dabei hatte ich doch aufgepasst, wie eigentlich immer.
    Ich passte auf Margrets leeren Stuhl auf.
    Margret hatte gefragt, ob sie auf die Toilette gehen könne, und als sie ging, hatte sie weit aufgerissene Nicht-weinen-Augen und einen zusammengekniffenen Nicht-weinen-Mund. Und sie blieb wirklich lange weg, sogar für Margret, die einen Finger nach dem anderen wäscht.
    »Ich muss auf die Toilette«, sagte ich der Lehrerin.
    Und da war Margret dann auch, sie kauerte unter dem Waschbecken und hatte den Kopf auf die Knie gelegt.
    »Margret«, sagte ich und schnappte nach Luft. »Du sitzt ja auf dem Boden!«
    Margret rutschte ein bisschen zur Seite, damit ich sehen konnte, dass sie sich auf eine Schicht aus bakterienabstoßenden Papierhandtüchern gesetzt hatte.
    »Trotzdem«, sagte ich. »Was ist los?«
    Margret presste ihren Kopf noch fester auf ihre Knie, die vor lauter Tränen schon glitzerten. Sie zeigte nach oben. Auf dem Waschbecken, neben einer Aus-dem-Kunstsaal-entfernen-ist-verboten-Schere, lag eine dicke Strähne glattes braunes Haar.
    Oha.
    »Komm raus, Margret«, sagte ich. »Lass mich mal sehen!«
    Margret schüttelte den Kopf. »Ich komme erst raus, wenn das nachgewachsen ist.«
    »Ich sehe aber gerade, wie eine Bakterie an deinem Kleid hochkrabbelt.«
    Margret kam sofort unter dem Waschbecken hervorgeschossen.
    Sie schaute in den

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