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Christopher Ross, Clarissa – Im Herzen die Wildnis

Christopher Ross, Clarissa – Im Herzen die Wildnis

Titel: Christopher Ross, Clarissa – Im Herzen die Wildnis
Autoren: Christopher Ross
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    Clarissa Howe hatte sich daran gewöhnt, dass ihr die meisten Männer nachstarrten. Obwohl sie zu wenig verdiente, um sich nach der neuesten Mode zu kleiden, und sie sich keine extravaganten Hüte wie die reichen Ladys aus dem West End leisten konnte, waren selbst vornehme Gentlemen so sehr von ihrem Aussehen angetan, dass sie ihr freundlich zunickten und ein wohlwollendes Lächeln schenkten. Einfache Fischer und Handwerker gaben sich etwas dreister, sie ließen sich schon mal zu einer kühnen Bemerkung hinreißen, und wenn sie ihren Vater vom Hafen abholte, ging immer ein anerkennendes Raunen durch die Menge. Einer hatte ihr mal einen Heiratsantrag auf offener Straße gemacht, ohne dass er jemals mit ihr ausgegangen war.
    Warum die Männer sie bewunderten, wusste sie nicht. Wie oft hatte sie vor dem Spiegel in ihrem Zimmer gestanden und sich prüfend betrachtet, während sie mit den flachen Händen die Konturen ihrer schlanken Gestalt nachfuhr, als könnte sie so die Geheimnisse ihres Körpers ergründen. Ihr Gesicht war schmal, die Augen dunkel, die Haare so schwarz, dass sie für eine Indianerin durchgegangen wäre, hätte ihre Haut nicht so hell und weiß geschimmert. Auch an diesem Morgen waren ihre Haare zu locker gebunden. Es würde ihr wohl niemals gelingen, ihre Haare so streng zu frisieren wie damals ihre Mutter. Ständig hingen ihr ein paar vorwitzige Strähnen ins Gesicht. Sie hatte sich angewöhnt, sie aus dem Gesicht zu pusten, so wie sie es als kleines Mädchen getan hatte, eine scheinbar harmlose Geste, die jedoch ebenfalls bei Männern ankam, wie sie zu ihrer Verwunderung festgestellt hatte.
    »So sind die Männer nun mal«, hatte ihre Mutter gesagt, »selbst dein Vater dreht sich nach jedem Weiberrock um!« Aber das war keine Erklärung. Eine ihrer Freundinnen beklagte sich heute noch darüber, dass ihr die Männer keine Beachtung schenkten, obwohl Clarissa nichts Abstoßendes an ihr entdecken konnte. »Du bist anders«, hatte die Freundin erklärt, »du bewegst dich so … aufreizend«, und sie hatte lachend geantwortet: »Das liegt daran, weil ich so oft bei meinem Vater auf dem Fischerboot war und ständig denke, ich würde das Gleichgewicht verlieren.« Das schönste Kompliment hatte ihr ein studierter junger Mann aus Seattle gemacht: »In Ihren Augen leuchten kleine Sterne! Wussten Sie das, Miss? Wie bei einer Fee aus dem Märchen!« Leider war er nach der zweiten Verabredung abgereist, wohl auch deswegen, weil seine Eltern nicht wollten, dass er sich mit der Tochter eines Fischers traf.
    Normalerweise reagierte Clarissa nicht mehr auf die bewundernden Blicke der Männer. Die Gefahr, sich dabei lächerlich zu machen, war zu groß. Doch als an diesem Morgen eine Kutsche an ihr vorbeifuhr und sich ein vornehmer Gentleman weit aus dem Fenster beugte und sie anstarrte, blieb sie stehen und wunderte sich einmal mehr, wie sehr sich manche Gentlemen aus der Oberschicht für sie interessierten. Er nahm sogar seinen Zylinder ab und grüßte sie wie eine Dame, deren Bekanntschaft er gerne gemacht hätte. Neben ihm erkannte sie die Umrisse einer vornehmen Lady. Sie glaubte wohl, dass er eine Bekannte grüßte, und sah sein verräterisches Lächeln nicht.
    Clarissa blieb reglos stehen und war froh, als die Kutsche in einer Seitenstraße verschwand. Zu aufdringlich und auch zu abschätzend hatte sie der Fremde gemustert, als wollte er sie mit seinen Blicken ausziehen. In seinen Augen hatte sie jenen Hochmut erkannt, den sie oft bei Gentlemen der Oberschicht beobachtete; die Annahme, sie könnten sich bei einfachen Frauen alles erlauben und das ausleben, was ihnen die feinen Damen der Gesellschaft nicht gestatteten. Als könnte man sie mit einem Lächeln kaufen.
    Sie verdrängte die Gedanken an den Gentleman und ging langsam weiter. Auch an diesem Sonntag schlenderte sie an der English Bay entlang, dem weiten Strand im Westen von Vancouver, der im Sommer vor lauter Sonnenhungrigen kaum zu sehen war und jetzt im Spätherbst einsam und verlassen unter dem grauen Himmel lag. Ihr langer Mantel und der Hut schützten sie gegen den kühlen Wind, der über die Bucht hereinkam und sich zwischen den Häusern im West End verfing. Am Strand säumten schmale Holzhäuser mit steilen Giebeldächern die Beach Avenue, ein paar Blocks weiter ragten die herrschaftlichen Villen der Reichen empor. Die wohlhabenden Familien waren noch vor der Eisenbahn gekommen und hatten sich die besten Grundstücke gesichert. Auch sie

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