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Champagner-Fonds

Champagner-Fonds

Titel: Champagner-Fonds
Autoren: P Grote
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er hin und wieder einige Tage blieb. Mit einer Schweizer Önologin hatte er ein ähnliches Verhältnis und traf sich mit ihr bei internationalen Ereignissen. Wenn sie zur Weinmesse nach Düsseldorf kam, blieb sie danach sogar einige Tage hier. Er hatte nicht den Eindruck, dass Thomas darunter gelitten hatte, dass er ihn allein erzog, es hatte zu seiner Selbstständigkeit beigetragen. Er hatte ihn mehrmals gefragt, ob er nicht lieber bei seiner Mutter und ihrem heutigen Ehemann leben würde, aber das hatte Thomas heftig abgelehnt und ihm vorgeworfen, ihn loswerden zu wollen. So hatte es sich eingebürgert, dass sie die Wochenenden miteinander verbrachten, zumindest tagsüber, aber Philipp wäre es nie in den Sinn gekommen, Thomas zu bitten, seinetwegen zu Hause zu bleiben.
    Soll ich im »Le Moissonnier« anrufen, ob sie noch einen Platz für mich haben?, fragte sich Philipp und verwarf den Gedanken sofort. Er kam sich allein am Tisch im Restaurant lächerlich vor, wie jemand, der niemanden hat oder kennt, der mit ihm essen geht. Von seinen Kölner Bekannten   – Freunde wäre zu viel gesagt – wollte er niemanden sehen. Er wollte weder über Golf-Handicaps noch über Fußball oder gar über Politik reden, und die richtigen Freunde, die alten, die aus Marburg, lebten über das ganze Land verstreut.
    Allerdings musste er sich eingestehen, dass der Hauptgrund, nicht im »Le Moissonnier« anzurufen, der war, dass er Klaus Langer hätte treffen können. Und dann würde er sich zu ihm und seiner langweiligen Frau und womöglich zu den Freunden aus dem Karnevalsverein an den Tisch setzen müssen.
    Der Kölsche Klüngel war ihm ein Graus. Er hatte zu ihm ein ähnlich gespanntes Verhältnis wie der Schriftsteller Thomas Bernhard, den er ungemein schätzte, zu Österreich. Seit Jahren redete Langer auf ihn ein, endlich seine Mitgliedschaft in seinem Verein, Blaue oder Rote Funken, zu beantragen, Bürgen gäbe es genug. Langer sei, zumindest hatte er es mehrfach wiederholt, auch von den Freunden angesprochen worden, wieso seine »Weinnase«, wie sie Philipp nannten, nicht bei ihnen Mitglied werde. Er wäre eine Bereicherung des Vereins. Das konnte er sich nicht vorstellen. Nein, es reichte, wenn er den Chef wochentags traf, und die Narrenkappe trug man im normalen Leben oft genug. Dann kam hinzu, dass Langer kürzlich eine Bemerkung vom Stapel gelassen hatte, er zahle ihm wohl ein zu hohes Gehalt, wenn er sich das »Le Moissonnier« leisten könne. Es war natürlich ironisch gemeint gewesen, aber steckte in jedem dummen Spruch nicht ein Körnchen Wahrheit?
    Die Champagnerflasche ragte schräg aus dem Sektkühler und zeigte auf ihn, als wollte sie sagen, dass für ihn ein zweites Glas durchaus in Betracht kam. Philipp schenkte nach, trank, erst jetzt hatte der Champagner die richtige Temperatur, er spürte dem Geschmack nach und betrachtete seinen Garten. Er war groß, und wenn es nach ihm ginge, hätte er doppelt so groß sein können, er hätte Ausmaße haben können wie ein Park. Seinen Nachbarn missfiel es offensichtlich, dass er im vorletzten Frühjahr begonnen hatte, die Zierpflanzen gegen Nutzpflanzen auszutauschen, die Büsche auszureißen und Johannis- und Stachelbeersträucherzu pflanzen, und wo ehemals Rasen wuchs, zogen sich jetzt Hochbeete mit Salat, Zwiebeln, Knoblauch und Küchenkräutern am Zaun entlang. Es war beileibe kein Vorzeigegarten, mehr ein gepflegter Wildwuchs, ein recht ordentliches Chaos mit einigen Zierpflanzen und Büschen.
    Sie halten mich gewiss für einen Eigenbrötler, sagte sich Philipp, und das bin ich wohl, ein komischer Kauz, oder vielleicht halten sie mich auch für schwul, gerade hier in Köln, denn wenn schon mal eine Frau im Hause auftauchte, war sie sehr jung, zu jung – die Freundin von Thomas.
    Philipp erinnerte sich, dass Langer für morgen die neue Sekretärin angekündigt hatte: eine Helena Schilling. Man munkelte, dass sie die geschiedene Frau eines Geschäftsfreundes sei, die nach der Scheidung zum ersten Mal im Leben für den eigenen Lebensunterhalt selbst aufkommen müsse, nach einem Luxusleben ohne Arbeitszwang. Derartige Gerüchte waren kein guter Auftakt, besonders bei einer so wichtigen Position wie der Chefsekretärin. Ihre Vorgängerin, Frau Maheinicke, hatte einen Bordelaiser Winzer kennengelernt, der bei Saint-Estèphe ein Weingut betrieb und France-Import seit vielen Jahren belieferte. Die beiden hatten seit Jahren miteinander telefoniert, korrespondiert, Rechnungen

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