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Cedars Hollow (German Edition)

Cedars Hollow (German Edition)

Titel: Cedars Hollow (German Edition)
Autoren: Charlotte Schaefer
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Prolog
     
    D er Sarg senkte sich geräuschlos in die Grube. Schweigend beobac h tete ich ihn, bis dunkle Erde mir die Sicht versperrte. Der Brief, den ich an meine Brust gepresst hielt, war ein Abschiedsbrief, damit me i ne Mutter mich nicht vergessen würde.
    Mein Vater trat vor. Seine Miene verhärtete sich, als er in die Grube blickte. Er presste die Lippen zu einem Strich zusammen, dann warf er die Rose, die er bei sich trug, in die Grube. Eine Handvoll Erde folgte. Er flüsterte etwas, aber ich konnte ihn nicht verstehen. In meinen Ohren rauschte es.
    Ich sah nichts weiter als ein Meer aus trauernden Gesichtern, blass und kühl. Mein Herz hämmerte und mir wurde übel, als ich vortrat. Der Sarg lag nun in der Grube, die sich in die Tiefe erstreckte wie der Schlund eines Ungeheuers.
    Das Rauschen in meinen Ohren wurde lauter. Ein einzelner Rege n tropfen fiel auf meine Wange, ein zweiter folgte. Ich ve r steinerte dort, wo ich stand. Wie aus weiter Ferne hörte ich das Murmeln der Tra u ergäste, das durch die Reihen ging.
    Der Brief entglitt meinen zitternden Händen und fiel zu B o den. Ich starrte hinüber zur Friedhofsmauer und dem schmiedeeisernen Ei n gangstor.
    Dort sah ich ihn zum ersten Mal.
    Er war kaum mehr als ein Junge, blass und unscheinbar. Seine F i gur wirkte sehnig und schlank, und er hatte rötlich braune Haare. Er blickte zu uns herüber, dann fixierte er mich. Ich wartete einen A u genblick, ob er vielleicht zu uns herüberko m men oder irgendetwas anderes tun würde. Aber er rührte sich nicht vom Fleck, lehnte sich gegen das Eisentor und ve r schränkte die Arme vor der Brust. Es schien, als wartete er auf etwas.
    Hazel , hörte ich deutlich die Stimme meiner Mom. Hazel, komm zu mir.
    Doch meine Mutter war tot, und mit ihr war alles gestorben, was mir etwas bedeutet hatte.
    Meine Knie gaben nach und ich fiel auf die feuchte Erde. Ü ber mir hörte ich wispernde Stimmen. Mit einem Gefühl, das Erleicht e rung ähnelte, schloss ich die Augen und wartete auf das Ende.
     
    Ich machte mir Sorgen. Mom war noch nicht vom Einkaufen zurück, seit Stunden war sie unterwegs. Das sah ihr nicht ähnlich. Ich ve r suchte mich abzulenken, ertappte mich aber immer wieder dabei, wie ich Blicke aus dem Fenster oder zur Haustür warf.
    Das Telefon klingelte und ich stand auf und nahm den H ö rer ab.
    Die nächsten Minuten vergingen wie im Traum. Ich hörte, was der Polizeibeamte am anderen Ende der Leitung sagte, doch seine Worte drangen nicht bis in mein Bewusstsein vor. Mein Körper wu r de taub. Ich atmete nicht.
    „Es tut mir sehr leid“, sagte der Polizeibeamte.
    Ich legte mit zitternden Händen auf. Ein Nebelschleier senkte sich auf mich und drückte mich nieder. Die Realität ve r schwamm vor meinen Augen wie ein Traumgespinst.
    Tot. Mom. Tot.
    „Nein“, flüsterte ich und schüttelte energisch den Kopf, wä h rend die Wahrheit langsam in mein Bewusstsein sickerte.
    Der Nebel verschlang mich. Übelkeit stieg in mir auf, als ich daran dachte, was der Polizist mir erzählt hatte.
    Man hatte sie in einer kleinen Seitenstraße am Rand der Stadt g e funden, weit entfernt vom Supermarkt. Ihr Hals war von Bisswunden übersät gewesen, als hätte ein wildes Tier sie ang e fallen. Mord schloss die Polizei nicht aus.
    Sie war noch nicht alt gewesen, gerade einmal einundvierzig.
    Ich weinte, bis meine Augen keine Tränen mehr hatten, die sie ve r gießen konnten.
    Mom war fort.
     
     
     

 
    Wie ein Geist
     
    W ieder stand ich vor dem Grab meiner Mutter. Es war stoc k dunkel und ich war allein. Nur der Schrei eines Kauzes durchschnitt die Sti l le. Es war so kalt, dass mein Atem in der Luft kleine Wölkchen bild e te. Ich wickelte mir meinen Schal fester um den Hals und schlang die Arme um meinen Oberkörper.
    Im nächsten Moment spürte ich, wie eine Hand fest meine Schulter umspannte. Ich zuckte zusammen und wirbelte herum. Da stand meine Mom, ihre Wangen rosig wie immer, ihr L ä cheln warm. In ihren Augen schien ein glühendes Licht, ein Funke zu tanzen.
    „Wie kann das sein?“, flüsterte ich.
    Meine Mutter antwortete nicht. Sie streckte eine Hand nach meiner Wange aus. Ihre Fingerspitzen streiften meine Haut, doch mich durchflutete nicht das erwartete Gefühl von Liebe.
    Ihr Gesicht begann sich zu verändern. Ihre Haut wurde braun und runzlig und sah aus wie verfaultes Fleisch. Alles an ihr wirkte dünn und knochig, und ihre Wangen waren hohl. Schlimmer aber waren ihre nun leeren Augenhöhlen.

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