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Cato 04 - Die Brüder des Adlers

Cato 04 - Die Brüder des Adlers

Titel: Cato 04 - Die Brüder des Adlers
Autoren: Simon Scarrow
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schräg hinauf, hinter dessen Kuppe es nach Calleva hinunterging. Die Stadt wurde als vorgeschobenes Nachschublager der Zweiten Legion genutzt. Diese Legion war vom Armeekommandanten General Aulus Plautius abkommandiert worden, um getrennt von den anderen Legionen gegen die Durotriges zu operieren, dem letzten der südlichen Stämme, die noch auf Seiten Caratacus’ kämpften. Erst nach einem vernichtenden Sieg über die Durotriges wären die römischen Nachschublinien so gut gesichert gewesen, dass die Legion weiter nach Norden und Westen hätte vorstoßen können. Ohne ausreichenden Nachschub konnte General Plautius unmöglich siegen, und das Volk in Rom würde merken, dass die voreilige kaiserliche Feier der Eroberung Britanniens nur ein fauler Schwindel gewesen war. Das Schicksal General Plautius’ und seiner Legionen – und eigentlich sogar das Schicksal des Kaisers selbst – hing von den überdehnten Lebensadern ab, die die Legion mit Nahrung versorgten und jederzeit mit einem einzigen Schlag durchschnitten werden konnten.
    Vom riesigen Basislager an der Mündung des sich durchs Herz Britanniens schlängelnden Flusses Tamesis, wo Nahrungsvorräte und Ausrüstung aus Gallien angelandet wurden, rollten regelmäßig schwere Wagenkolonnen los. Seit zehn Tagen hatte die Zweite Legion jedoch keinen Nachschub mehr aus Calleva erhalten. Vespasian hatte seine Kräfte, die eine der größeren Hügelfestungen der Durotriges belagerten, zurückgelassen und war selbst nach Calleva geeilt, um der Angelegenheit nachzugehen. Die Zweite Legion gab inzwischen reduzierte Rationen aus, und in den umliegenden Wäldern lauerten feindliche Truppen auf umherstreifende römische Kräfte, die sich auf Nahrungssuche zu weit vom Hauptkörper der Legion fortwagten. Falls es Vespasian nicht gelang, Nahrung für seine Männer zu beschaffen, würde die Zweite Legion sich bald ins Nachschublager in Calleva zurückziehen müssen.
    Vespasian konnte sich mühelos vorstellen, wie verärgert General Plautius einen solchen Rückschlag aufnehmen würde. Aulus Plautius war von Kaiser Claudius zum Kommandanten des in Britannien operierenden römischen Heeresteils ernannt worden und hatte den Auftrag, die britischen Stämme dem Imperium anzugliedern. Obgleich Plautius im Sommer zuvor mehrere Siege über die barbarischen Stämme errungen hatte, hatte Caratacus eine neue Armee zusammengezogen und leistete Rom noch immer Widerstand. Er hatte viel aus dem Feldzug des Vorjahres gelernt und vermied offene Schlachten gegen die römischen Legionen. Stattdessen kommandierte er Teile seiner Truppe ab, um die Nachschublinien der schwerfälligen römischen Kriegsmaschinerie anzugreifen. Mit jeder Meile, die General Plautius und seine Legionen vorrückten, wurden diese Lebensadern verwundbarer.
    So hing der Ausgang des diesjährigen Feldzugs davon ab, wessen Strategie erfolgreicher sein würde. Falls es General Plautius gelang, die Briten in die offene Schlacht zu zwingen, würden die Legionen gewinnen. Falls es den Briten aber gelang, eine Schlacht zu vermeiden und die Legionen auszuhungern, mochten sie das Heer durchaus so stark schwächen, dass der General zu einem gefährlichen Rückzug bis an die Küste gezwungen war.
    Je näher Vespasian mit seiner Eskorte dem Hügelkamm kam, desto durchdringender schallten die Kriegshörner. Jetzt hörten die Soldaten auch die Schreie von Männern, das scharfe Klirren sich kreuzender Klingen und das dumpfe Scheppern der Schläge, die auf Schilde trafen. Die Silhouette langer Grasbüschel stand vor dem klaren Himmel, und dann hatte Vespasian die Szenerie auf der anderen Hügelseite vor Augen. Zur Linken lag Calleva, ein wucherndes Durcheinander strohgedeckter, überwiegend jämmerlich kleiner Hütten, umgeben von einem Erdwall mit Palisade. Ein dünner Schleier von Holzrauch hing über der Stadt. Der Weg vom hohen Turm des Torhauses zur Tamesis war wie eine dunkle Wunde aus aufgewühltem Matsch. Auf diesem Weg, eine halbe Meile von Calleva entfernt, waren von einer Nachschubkolonne nur noch eine Hand voll Wagen übrig, verteidigt von einer dünnen Linie von Hilfstruppen. Rundum wimmelte es von Feinden: kleine Gruppen schwer bewaffneter Krieger und leichtere, mit Schleudern, Pfeil und Bogen sowie Wurfspeeren ausgerüstete Truppen. Sie unterhielten einen steten Geschosshagel auf die Kolonne und ihre Begleitmannschaft. Von den Flanken der verwundeten Ochsen floss das Blut, und hinter der Kolonne war der Weg mit Leichen

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