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Cambion Chronicles - Golden wie das Morgenlicht (German Edition)

Cambion Chronicles - Golden wie das Morgenlicht (German Edition)

Titel: Cambion Chronicles - Golden wie das Morgenlicht (German Edition)
Autoren: Jaime Reed
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1
    I st dein Geist schlecht drauf, dann solltest du lieber den Mund halten.
    Eine praktische Faustregel, aber Geheimnisse sind gefährlich und erfordern viel zu viel Aufmerksamkeit. Jede Lüge muss man mit zwei neuen Lügen stützen, und so geht es immer weiter, bis das Geheimnis schließlich in sich zusammenfällt. Dann hat man den Salat. Eine gerechte Strafe für die Unehrlichkeit, könnte man meinen – aber nur, solange man nicht gleichzeitig der Lügner und der Belogene ist. Dann wird es nämlich kompliziert.
    Um also der Wahrheit die Ehre zu geben, musste ich mir eingestehen, dass es schlimmer wurde mit diesen Blackouts, unter denen ich immer wieder litt. Sehr viel schlimmer. Man konnte sie beim besten Willen nicht mehr Tagträume oder vorübergehende Geistesabwesenheit nennen, es kam vielmehr zu einer kompletten Verschiebung von Zeit und Raum. Als hätte ein nachlässiger Cutter zwei verschiedene Filmszenen aneinandergeschnitten und gehofft, die Zuschauer würden den Bruch nicht bemerken. Aber in meiner aktuellen Lage sprachen einige Anzeichen doch sehr deutlich dafür, dass hier manipuliert worden war.
    Zum Beispiel war der Schauplatz nicht mehr derselbe. Plötzlich befand ich mich nicht mehr in der Verwahranstalt für Jugendliche, die auch unter dem Namen James City High School bekannt war, sondern zu Hause, in meinem Zimmer, und hing mit dem Rücken an der Decke. Jawohl, an der Decke. Das war nun schon das zweite Mal, dass ich das Phänomen der Levitation aus erster Hand erleben durfte, und mein Puls raste genauso wild wie beim ersten Mal. Diesmal war es sogar noch beunruhigender, weil ich mich nicht daran erinnerte, wie ich hier hochgekommen war.
    Wahrscheinlich wäre ich gar nicht aufgewacht, wenn es nicht an der Haustür geklopft hätte. Ob Nachbar, Paketbote oder von mir aus auch die Zeugen Jehovas – jemand musste mir helfen, und zwar sofort. Das Klopfen verstummte, und bald darauf hörte ich ein Auto anspringen und rückwärts aus der Einfahrt setzen. Ich wurde panisch und versuchte verzweifelt, die Kontrolle über die Situation und meinen Sinn für die Realität zurückzuerobern.
    Meine Arme und Beine hingen in der Luft, aber mein Körper war wie in einem unsichtbaren Geschirr gefangen. Ich rollte mich von der einen Ecke des Zimmers in eine andere und versuchte, die Wand hinunterzulaufen, doch meine Bemühungen waren vergebens. Hier oben war ich machtlos, und ich hatte ebenso viel Angst vor dem Schweben wie vor dem Fallen. Ich zitterte am ganzen Körper, Tränen tropften auf den Boden unter mir, und meine Hilfeschreie verhallten ungehört.
    Aber selbst wenn derjenige, der an die Tür geklopft hatte, mich gehört hätte, wie wäre er dann hereingekommen? Hätte er die Polizei gerufen und die hätte die Tür aufgebrochen – wie hätte ich erklärt, dass ich unter der Decke festhing? Ich verstand es ja selbst kaum, und ich kannte mich mit seltsamen Begebenheiten nun wirklich besser aus als die meisten anderen Leute. Als ich begriff, dass ich so schnell nirgendwo anders hinkommen würde, nutzte ich erst mal die Gelegenheit, mein Zimmer aus der Vogelperspektive zu betrachten.
    Noch nie hatten die vier Wände voller Poster, die beiden kleinen Fenster und der überquellende Kleiderschrank auf mich so fremdartig gewirkt. Dass mein ganzes Zimmer grün gestrichen war, mutete plötzlich geradezu außerirdisch an. Mein Schreibtisch und die Kommode an der Wand gegenüber versanken unter einer Lawine aus Büchern, Getränkedosen, schmutziger Wäsche und Kosmetikartikeln. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn sich hier irgendein Wesen sein Winterquartier eingerichtet hätte, aber ich spürte im ganzen Haus keine Lebensenergie außer meiner eigenen.
    Verwirrend war nicht nur, dass mein Körper den Gesetzen der Schwerkraft nicht mehr gehorchte, sondern auch die Tatsache, dass ich einen Schlafanzug anhatte und nach Duschgel roch. Meine Haare hingen mir nass und so verfilzt ins Gesicht, dass ich die Knoten mit den Fingern gar nicht lösen konnte. Sie waren ebenfalls gewaschen worden, aber von jemandem, der nicht wusste, wie man mit diesen Locken umging. Ganz sicher hatte ich das alles Lilith zu verdanken, aber ich erwartete nicht, dass sie mir verriet, was genau sie getan hatte. Meine »Mitbewohnerin« gab sich viel Mühe, ihre Spuren zu verwischen. Sie war wohl in Eile gewesen und hatte die Beweise hastig verschwinden lassen.
    Genau das war der Preis der Besessenheit. Davor hatten Cambions wie ich am meisten

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