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Brüder und Schwestern

Brüder und Schwestern

Titel: Brüder und Schwestern
Autoren: B Meinhardt
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werden.
    Sie war Ruths beste Freundin, Marieluise, und sie hatte Ruth auch schon in den Arm genommen. So blieb sie stehen, lange, sie schien Willy gar nicht zu bemerken, da raunte er von der Seite: »Hallo Em-El.«
    Sie hob kurz die Augenbrauen, und Willy fiel ein, Marieluise mochte diese Anrede nicht, sie fühlte sich durch sie immer veralbert.
    Er dagegen, der das Em-El vor einer halben Ewigkeit in bierseliger Stimmung erfunden hatte, war stolz auf die dreifache Bedeutung, die darin steckte, und nicht minder auf die Ironie, die, wie er meinte, daraus quoll. »Em und El«, hatte er Marieluise damals mit schon schwerer Zunge erläutert, »das sinn erstnnss die Anfanggssbuchstaam deinner eigntlch zwei Vornaaamm. Zweihtnnss«, er kicherte, »issess die Abkürzunng vn Marxsmuhs-Leniensmuhs. Uun drittnns«, er schaute sie so schelmisch an, wie es ihm in diesem Moment noch möglich war, »klinktss irgnntwieh ähgyyptsch, finssduu nich?«
    Nein wirklich, hatte Marieluise gestöhnt, das sei so primitiv, daß sie gar nicht darauf antworten werde. Alkohol hin oder her, sie fand, Willy mache ihre Liebe zu Aziz, ihrem ägyptischen Mann, lächerlich, und das wollte sie nicht zulassen, denn diese Liebe, die war doch eine große Geschichte! Und hatte diese große Geschichte nicht sogar bei Willy begonnen?
    Zu Hause bei den Werchows, da saß nämlich auf einmal dieser Aziz, der von seinen Leuten nach Gerberstedt geschickt worden war, damit er im großen Druckbetrieb »Aufbruch« ein halbes Jahr mit dem Produktionsdirektor mitlief, auf allen Wegen begleiten sollte er Willy, und danach sollte er die moderne Druckerei leiten, die von der DDR am Nil hochgezogen wurde.
    Sie verliebte sich im Nu, denn Aziz war sicher und sanft zugleich, nicht nur eines von beiden wie all die anderen, die ihr, der jungen Ärztin, bis dahin den Hof gemacht hatten, und außerdem hatten die auch nicht solche Haut gehabt wie Aziz, so was schimmernd Dunkles, über das Marieluise, ganz entgegen ihrer zurückhaltenden und kritischen Natur, bei der erstbesten Gelegenheit mit Fingern und Zunge fuhr, wohltuend warme und glatte Bronze war das, die sie schon am ersten Abend, wahrlich am allerersten, wer hätte das gedacht von dieser Marieluise, verzückt in sich hineinfließen ließ, durch die Mitte nach überallhin.
    Sie heirateten und gingen nach Kairo. Wo das Märchen endete? Einerseits ja. Marieluise, die praktizieren wollte, wartete endlos auf behördliche Genehmigungen, so lange, bis sie an Absicht glaubte, an stumme Verweigerung einer entgegen den offiziellen Verlautbarungen noch patriarchalischen Gesellschaft, und sie nach Gerberstedt zurückkehrte. Andererseits endete das Märchen aber auch nicht, denn die beiden ließen sich keineswegs scheiden, und Aziz blieb auch genau so, wie er gewesen war, sicher, sanft und bronzefarben. Zweimal im Jahr, im Sommer und zu Weihnachten, besuchte er Marieluise, und stets führte er wertvolle Geschenke mit sich, als da waren Gold, Südfrüchte, bemaltes Papyrus, aber das größte Geschenk, das allergrößte, das er ihr jemals gemacht hatte, war natürlich das Kind, von dunklem Schimmer wie er selber, nach Marieluises Berechnungen gezeugt am Ufer der leise rauschenden Schorba, auf deren Grund sie seitdem, wenn die Sonne im richtigen Winkel stand, statt Steinen, rostigen Henkeln und Fahrradklingeln fürwahr goldene Helme, Löffel, Schalen, Armreifen und Colliers aus dem Tal der Könige blinken sah; Ramses, Thutmosis und Aziz höchstselbst wachten über sie, die also gar nicht so allein war, wie Willy in seiner Einfalt glaubte, in der grauenhaften Selbstsicherheit desjenigen, der nicht weiß und nie wissen wird.
    Sie drückte ihm distanziert die Hand und sprach ihm in förmlichen Worten ihr Beileid aus. Währenddessen kamen von unten weitere Gäste herauf, langsam und gebeugt die meisten, mit Baumrindengesichtern, es waren die Nachbarn aus der kleinen Siedlung, in der das Haus der Werchows stand, Willy kannte sie alle. Ihnen folgte ein Trupp ebenso alter, doch sich gerade haltender Männer und Frauen, denen er noch nicht begegnet war. Es konnte sich aber nur um Rudis Wanderfreunde handeln, das sah er an den Stöcken in ihrer Hand, die über und über mit bunten Stocknägeln bepflastert waren.
    Es wimmelte nun schon vor schwarzgekleideten Gestalten; bloß ein abseits stehender Mann sorgte für einen Farbtupfer, Heiner Jagielka, Rudis letzter Nachbar. Er trug eine blau-rot karierte Baumwolljacke und eine blaue Cordhose, die an

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