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Brüder und Schwestern

Brüder und Schwestern

Titel: Brüder und Schwestern
Autoren: B Meinhardt
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wagen, denn die Schlenkereien der Leiche waren ihm nicht mehr allzu fremd, schon voraussehen ließen sich die ja mittlerweile. Er lockerte sich und schüttelte Willy ohne Absicht mit, aus einiger Entfernung mochte es den Anschein haben, als lachten sie da auf diesem Motorrad. Aber etwas, das er auch noch liebend gern getan hätte, war Matti dann doch nicht möglich: nach dem Ausrollen vor dem Bahnwärterhäuschen abzusitzen und mit Willy huckepack bei Achim reinzuschneien. Er mußte hupen.
    Willys Freund, von dem durchs Fenster nur der ergraute Schopf zu sehen gewesen war und nicht das Gesicht, das er wahrscheinlich wieder über ein Buch gebeugt hatte, garantiert, denn er studierte doch neuerdings bestimmt nicht die Kerben auf seinem Tisch, schaute auf. Er öffnete das Fenster und starrte auf das seltsame Gespann, er mißtraute zutiefst dem, was er da sah.
    »Willy?« fragte er. Dessen Gesicht war für ihn nicht recht erkennbar, schließlich lag es auf Mattis den Gleisen zugewandter Schulter.
    »Willy, bist du’s?« fragte Achim noch einmal, und als ihm erneut nicht geantwortet wurde: »Mensch, nun sag doch einen Ton!«
    Willy sei tot, sagte Matti.
    Bedächtig schloß der Schrankenwärter das Fenster, und langsam trippelte er raus zu ihnen, der war auch sehr alt geworden, dieser Achim Felgentreu.
    Nun hob er Willys Gesicht von Mattis Schulter, mit beiden Händen wie eine warme Teeschale in der Winterzeit, und genau so hielt er es eine Weile, und dann stellte beziehungsweise legte er es wieder ab und sagte: »Dreimal war ich im Krankenhaus, dreimal durfte ich nicht zu ihm rein. Und jetzt ist er plötzlich tot.« Klagend hörte sich das an, und auch, als wolle er sich bei Willy für die ausgebliebenen Besuche entschuldigen, während es als Information für Matti wohl nicht gedacht war, denn Matti, den nahm er gar nicht wahr in dieser Minute.
    Und was Achim Felgentreu noch alles nicht bedachte! Was er in seiner Bestürzung noch alles vergaß! Ein Zug jagte heran und warf ihnen eine Welle aus Luft und Krach an die Körper. Matti hatte kurzzeitig Mühe, sich auf den Beinen und Willy auf dem Sitz zu halten, und als er wieder fest stand, sah er im Lichtschein der vorüberhuschenden Waggons das entsetzte Gesicht des Alten. In rasend schnellem Wechsel leuchtete es als Grimasse auf und fiel wieder ins Dunkel, das wollte gar kein Ende nehmen, daß der Bahnwärter so blinkte.
    Endlich war der Zug vorbei, und vor Achim Felgentreus geweiteten Augen zeigten sich die nicht heruntergelassenen Schranken, aber zwischen denen und um die herum lag niemand und schrie auch niemand, da blitzten und summten unschuldig die Schienen. Blieb es demnach bei einem Toten, man konnte beinahe von Glück reden …
    Sichtlich erleichtert kam Achim auf Willy zurück: »Was machst du hier mit ihm, Matti, wieso kutschst du ihn auf dem Motorrad, was soll das denn?«
    Matti klärte ihn auf, so rührte er ihn ziemlich, den alten Felgentreu, rührte ihn, ohne daß er was darüber sagen mußte, warum er ausgerechnet hierher gedüst war. Das war Achim doch klar, warum. Wirklich aufmerksam und ausgesprochen fein von Matti, seinen Vater, wenn der schon unbedingt nochmal an die frische Luft gewollt hatte, raus zu ihm zu führen.
    Und Matti startete wieder die Jawa, und jetzt fuhr er nach Hause zu dem Grundstück an der Schorba. Wie er sich dem näherte, sah er, in der oberen Etage brannte Licht, da hatte er vorhin in seiner Eile bestimmt vergessen, es zu löschen. Er rollte an der Haselstrauchhecke vorbei und mußte daran denken, wie er als Schniebs dort mit Jonas Fußball gespielt und Jonas sich einen Spaß draus gemacht hatte, den Ball immer wieder in das dichte Gehölz zu dreschen. »Nicht, Jonas, da meckert der Alte«, hatte er gerufen, aber der Alte, sein Großvater Rudi, war ganz in der Nähe gewesen, hinter dem undurchdringlichen mannshohen Grün hatte er gestanden zufälligerweise, und danach war er ihm, Matti, wochenlang gram gewesen wegen dieser Bemerkung. Weil er jenes Wort – der Alte – in dem Zusammenhang als beleidigend empfand? So hatte Matti damals gedacht. Erst viel später war ihm klargeworden, daß nicht das despektierliche Wort Rudi derart in Harnisch gebracht hatte, sondern die Heimlichkeit und die Kumpanei. Die plötzlich hinter seinem Rücken aufgebaute Gegnerschaft. Er war allergisch gegen so etwas, und er ließ es Matti, obwohl das eigentlich nur eine Kinderei von dem gewesen war, noch Jahre später spüren, indem er manchmal wie aus

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