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Brennpunkt Nahost

Brennpunkt Nahost

Titel: Brennpunkt Nahost
Autoren: Joerg Armbruster
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1 Damaskus 2011
    Ich hatte Glück bei meinem ersten Besuch in Damaskus nach Ausbruch der Aufstände, Reporterglück. Fast ein Jahr hatten wir auf die Visa gewartet; dann kam völlig überraschend die Einreisegenehmigung, wenn auch auf fünf Tage begrenzt. Das war im Dezember 2011. Die Aufstände gegen Assad drohten gerade zu kippen. Statt nur friedlicher Demonstrationen ging immer mehr Gewalt auch von den Rebellen aus. Zweifellos eine Antwort auf die Gewalt, mit der das Regime von Anfang an versucht hatte, die Proteste niederzuschlagen.
    Im Dezember 2011 reisten wir also in die Hauptstadt dieses verschlossenen Polizeistaates, in dem es für einen westlichen Journalisten kaum möglich ist, einen unbeobachteten Schritt zu machen. Aber ich hatte ja Glück. Mit Hilfe der deutschen Botschaft in Damaskus gelang es mir, eine Oppositionsfamilie zu besuchen. Die deutschen Diplomaten hatten darauf verzichtet, laut und öffentlich die Demonstranten zu unterstützen, wie es ihre französischen und amerikanischen Kollegen getan hatten. Stattdessen hatten sie auf stille Diplomatie gesetzt. Sie hatten leise und unauffällig das Vertrauen verschiedener noch in Damaskus lebender Oppositioneller gewonnen und zu ihnen Kontakte aufgebaut. Eine schwierige Arbeit, denn jeden Kontakt eines Syrers zu einer ausländischen Vertretung wertet der Geheimdienst als Hochverrat. Umso erstaunlicher waren also diese engen Kontakte zu einigen Dissidenten. Wenigstens einen hätte ich gerne getroffen bei meinem Besuch. Die meisten winkten jedoch ab. Sie wollten keinen westlichen Journalisten treffen. Zu gefährlich, sie würden rund um die Uhr bewacht. Auf solche Treffen stehe Gefängnis, wenn nicht Schlimmeres. Einer war dann schließlich doch bereit, sich auf ein Gespräch mit mir einzulassen.
    Heimlich, ein bisschen konspirativ, aber erstaunlich unkompliziert. Ein unauffälliges Treffen an der Kreuzung der Adnanal-Malki- und der Abdul-Mufti-al Riad-Straße mit einer Botschaftsmitarbeiterin, dann ein Taxi quer durch Damaskus, einmal gewechselt, schließlich ein kleiner Fußmarsch durch eine Plattenbausiedlung bis zu einem Hochhaus. Fahrt mit dem Aufzug in den zehnten Stock, dann noch zwei Stockwerke zu Fuß. Dann öffnete Mr. Samy Many die Haustür. Das war natürlich nicht sein richtiger Name. Den sollte ich erst viel später erfahren. Freundliche Begrüßung: »Schalten Sie bitte Ihr Mobiltelefon aus und lassen Sie es in der Garderobe. Die können uns auch über ausgeschaltete Telefone abhören. Wir gehen nach hinten.«
    Zwei Stunden redeten wir. Ohne Kamera, aber mit einem Notizblock, den ich noch heute habe. Wenn ich meine Gesprächsnotizen lese, kann ich Samys politische Entwicklung zum Oppositionellen anhand meiner Stichworte nachzeichnen:
    Sein erstes von mir notiertes Eingeständnis: »Hatte anfangs Vertrauen in die Reformbereitschaft Assads«, danach als Notiz: »Nichts ist geschehen. Jedes Vertrauen verloren« und schließlich: »fünf Jahre Gefängnis nach dem Damaszener Frühling 2001«, und immer wieder Samys Fazit: »Das Regime ändert sich nicht!«
    Weitere Stichworte auf meinem Notizblock sind: »Korruption, Wirtschaftswunder in die eigene Tasche«, »die Wirtschaft in der Hand weniger« und schließlich »Fünfzig Prozent der Syrer unter Armutsgrenze. Hohe Arbeitslosigkeit. Große Unzufriedenheit.«
    Ausführlich hatte er mir von den Foltermethoden der verschiedenen Geheimdienste erzählt. »Foltern ohne Grenzen«, das hatte ich mir notiert, denn das sei das Motto dieser Sicherheitsdienste: Vergewaltigung von gefangenen Frauen oder Männern, Fingernägel ausreißen, selbst bei Jugendlichen, Elektroschocks oder sechs Tage stehen am Stück, ohne sich anlehnen zu dürfen. »Wenn der so Gequälte in Ohnmacht fällt, dann wird er mit eiskaltem Wasser wieder aufgeweckt«, hatte er erzählt. Oft würden Gefolterte nach ein paar Wochen wieder freigelassen, damit sie draußen von dem Grauen erzählen. Das solle abschrecken und Menschen davon abbringen, zu Demonstrationen zu gehen. 150 000 politische Gefangene gäbe es im Augenblick, berichtete er mir im Dezember 2011. Westliche Menschenrechtsorganisationen bestätigen diese täglichen Schrecken in Syriens Gefängnissen. Einige sprachen damals allerdings von »nur« 30 000 politischen Gefangenen.
    Und trotzdem gingen die Menschen auf die Straße, um zu demonstrierten. »Immer mehr würden es, auch wenn die Armee auf die Massen schieße. Die Mauer der Angst sei endgültig durchbrochen.« Samy

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