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Bote des Todes

Bote des Todes

Titel: Bote des Todes
Autoren: Heather Graham
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PROLOG
    B elfast, Nordirland
    Sommer 1977
    „Es ist so weit, mein Sohn!“ sagte seine Mutter, nachdem sie ohne anzuklopfen in sein kleines Zimmer geplatzt war. „Dein Vater ist zurück, jetzt gehts ins Kino.“
    Die Mutter machte einen lebendigen und aufgeregten Eindruck. Ihr üblicherweise von schwerer Arbeit gezeichnetes Gesicht hatte sich zu einem Abbild wahrer Schönheit verwandelt, ihr Lächeln war das eines jungen Mädchens, und ihre Augen leuchteten. Er hielt den Atem an, weil er es kaum fassen konnte. Er hatte sich so sehr gewünscht, ins Kino zu gehen. Der neue Film aus Amerika hatte Premiere. Obwohl erst neun, verbrachte er einen Großteil seiner Zeit auf der Straße, da seine Eltern nur wenige ihrer Versprechen auch wirklich einhielten. Es war nicht ihr Fehler, es waren einfach die Umstände, die sie daran hinderten, und das konnte er gut verstehen. Sein Vater musste arbeiten, ebenso seine Mutter, und dann waren da auch noch die regelmäßigen Treffen im Pub. Für sein Alter war er ein zäher und kräftiger Bursche und leider auch schon wachsam und misstrauisch, was sogar ihm selbst bewusst war. Aber das hier …
    Es war ein Science-Fiction-Film voller futuristischer Ritter, Raumschiffe und großer Schlachten. Der Kampf für das Gute und am Ende der Sieg des Guten über das Böse. Jedenfalls rechnete er damit.
    Er legte den Comic zur Seite, den er bis eben gelesen hatte, und sah seine Mutter ungläubig an. Dann sprang er auf und umarmte sie. „Ins Kino! Wirklich? Wow!“
    „Jetzt geh dich kämmen, Junge, und mach dich fertig. Ich hole deine kleine Schwester.“
    Wenig später verließen sie das Haus.
    Die Straße, in der sie wohnten, hatte etwas von einem Slum. Alte Ziegelsteinmauern waren mit Graffiti übersät. Auch die Häuser waren alt. Und sie waren klein und zugig, und im Winter musste immer noch mit Torf geheizt werden, damit es warm wurde. Dennoch war es eine gute Nachbarschaft, in der es sich leben ließ. In den Mauernischen gab es viele düstere, geheime Stellen, und es gab viele Orte, an denen man sich verstecken konnte.
    Vereinzelt trafen sie Nachbarn. Die Männer tippten zum Gruß mit dem Finger an den Hut, und die Frauen grüßten mit höflichem Tonfall. Es gefiel dem Jungen sehr gut, mit seinen Leuten unterwegs zu sein. Er hielt seine Schwester an der Hand. Sie war erst fünf, und ihre Augen strahlten voller Leben. Sie wusste nichts davon, dass die Menschen, die sie grüßten, ein verbittertes Lächeln zur Schau trugen. Dass die Gesichter dieser Menschen so grau und matt waren wie der Himmel, der immer bedeckt und trüb zu sein schien, und wie die alten Gebäude, die so wirkten, als läge beständig ein Schatten über ihnen. Sie blickte zu ihrem Bruder hoch und lächelte ihn an. Es war ein ehrliches, hübsches Lächeln. Obwohl sie sich hin und wieder stritten, obwohl er ein robuster Neunjähriger und sie nur ein kleines Mädchen war, liebte er seine Schwester von ganzem Herzen.
    „Wir gehen wirklich ins Kino?“
    „Ja, wir gehen ins Kino“, versicherte er.
    Ihr Vater drehte sich zu ihnen um und grinste. „Richtig, Mädchen, und Popcorn werden wir auch kaufen.“
    Die kleine Schwester lachte so vergnügt auf, dass sie alle lächeln mussten und die düstere Welt um sie herum ihnen ein wenig unbeschwerter vorkam.
    Schließlich hatten sie das Kino erreicht. Einige von den anderen Besuchern waren ihre Freunde, andere ihre Feinde, aber sie waren alle hergekommen, um den Film zu sehen. Manches grüßende Lächeln war ehrlich, manches gezwungen, und seine Eltern nickten dem einen oder anderen nur steif zu.
    Wie versprochen, hatte ihr Vater Popcorn gekauft. Und Limonade. Und sogar Schokoriegel.
    Es kam nur selten vor, dass er sich seinen Eltern so verbunden fühlte und er sich selbst wirklich wie ein Neunjähriger vorkam. Für gut zwei Stunden entfloh er aus der finsteren Realität in eine andere Zeit und in eine weit entfernte Galaxie. Er lachte, er jubelte, er überließ seiner Schwester das restliche Popcorn, und er erklärte ihr, was sie nicht verstand. Er nahm sie auf seinen Schoß. Er sah, wie seine Mutter zögerte, dann aber den Kopf auf die Schulter seines Vaters sinken ließ. Er legte eine Hand auf ihr Knie.
    Sie hatten die halbe Strecke bis nach Hause zurückgelegt, als die bewaffneten Männer wie aus dem Nichts auftauchten.
    Sie waren aus einer der dunklen Nischen in der Mauer hervorgetreten, in denen sich der Junge so gut auskannte.
    Der Mann, der sich vor sie stellte, trug eine

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