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Bodyfinder - Das Echo der Toten

Bodyfinder - Das Echo der Toten

Titel: Bodyfinder - Das Echo der Toten
Autoren: K Derting
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PROLOG
    Violet Ambrose zog es fort von ihrem Vater, als die sanften Klänge sie wie ein zartes Netz umspannen. Das Rascheln der Blätter vermischte sich mit den unablässigen Rufen der Vögel und dem fernen Rauschen des eisigen Flusses hinter dem Wald.
    Aber da war noch ein anderes Geräusch.
    Eines, das ihr ebenso vertraut, hier jedoch völlig fehl am Platz war.
    Sie drehte sich zu ihrem Vater um, wollte sehen, ob er es auch gehört hatte, obwohl sie die Antwort schon kannte. Natürlich hatte er das nicht. Nur sie konnte die Schwingungenwahrnehmen, die sie mit ihren Farben und Gerüchen einfingen.
    Wieder sauste das Geräusch an ihr vorbei, getragen von der Brise, die ihr knisternde goldene Blätter um die Beine wehte. Kurz blieb Violet stehen und lauschte, und als es an ihr vorüberzog, folgte sie ihm.
    »Lauf nicht so weit weg«, warnte ihr Vater sie.
    Aber Violet achtete nicht auf seine Worte. In diesem Wald war sie zu Hause. Schon mit ihren acht Jahren wusste sie alles über ihn, konnte die Himmelsrichtungen daran ausmachen, auf welcher Seite die Baumstämme mit Flechten bewachsen waren, konnte die Zeit am Stand der Sonne ablesen … zumindest an den Tagen, an denen die Sonne sich nicht hinter einer dunklen Wolkendecke verbarg.
    Violet verließ den Weg. Gebannt von dem Geräusch wurden ihre Füße vorwärtsgetrieben. Sie stieg über herabgefallene Äste und stapfte durch den Farn, der fächerartig auf dem feuchten Boden wucherte.
    »Violet!« Ihr Vater riss sie kurz aus ihrer Trance.
    Sie blieb stehen, dann rief sie kaum hörbar zurück: »Ich bin hier!«
    Das Geräusch wurde stärker. Sie spürte, wie es unter ihrer Haut vibrierte. Wie ein Echo aus einer anderen Welt. So kamen diese Gefühle immer zu ihr. Und wenn sie sie riefen, musste sie ihnen nachgeben. Violet warjetzt ganz nah dran, so nah, dass sie eine Stimme hören konnte. Die Stimme war einsam und allein und auf der Suche nach jemandem, der ihr eine Antwort gab. Violet war dieser Jemand.
    Vor einem Hügel aus feuchter Erde, der hier mitten im Unterholz seltsam fremd wirkte, blieb sie stehen.
    Violet kniete sich hin und spürte das pulsierende Echo, das von unten zu ihr heraufdrang. Es hallte in ihren Adern wider und strömte heiß durch ihren Körper. Ohne zu zögern, machte sie sich daran, die weiche Erde mit den Händen abzutragen.
    Sie hörte die Schritte ihres Vaters näher kommen, dann seine sanfte Stimme. »Hast du was gefunden, Vi?«
    Sie war zu sehr in ihre Arbeit vertieft, um zu antworten. Ihre Fingerspitzen stießen auf etwas Hartes, Glattes. Kalt und unnachgiebig war es. Sie schauderte vor einer verstörenden Erkenntnis, die sie nicht benennen konnte.
    Ihr Vater beugte sich über sie und schaute in die kleine Vertiefung.
    Violet fegte die letzte Erdschicht mit den Fingern beiseite. Behutsam wie eine Archäologin legte sie ihre Entdeckung frei, als wollte sie das, was dort begraben war, nicht stören.
    Im selben Moment, als sie erkannte, was sie gefunden hatte, hörte sie ihren Vater erschrocken hochfahren.Gleichzeitig fassten seine starken Hände sie an den Schultern und rissen sie zurück … fort von dem Geräusch, das sie rief. Und fort von dem Gesicht des Mädchens, das in der Erde lag und sie anstarrte.

1. KAPITEL
    Das Klingeln des Weckers zerriss den behaglichen Nebel des Schlafs, der Violet umhüllte. Sie zog die Hand aus dem warmen Deckenkokon und drückte die Schlummertaste. Die Augen hielt sie geschlossen. Sie war noch nicht bereit, sich dem Tag zu stellen.
    Sie versuchte, sich an den Traum zu erinnern, aus dem sie gerade aufgeschreckt war. Beinahe bekam sie ihn zu fassen, dann entschwand das flüchtige Traumgeflüster wieder.
    Mit einem Grunzen strampelte sie die Decke weg, setzte sich auf und schaltete den Wecker aus.
    Es war der dritte Schultag und sie wollte sich nicht gleich zu Beginn der elften Klasse einen Eintrag für Zuspätkommen einhandeln. Gähnend rieb sie sich übers Gesicht. Anschließend durchlief sie wie in Trance ihr Morgenprogramm: duschen, zähneputzen, anziehen. Als sie sich kritisch im Spiegel betrachtete und die dunklen Ringe unter ihren Augen sah, sehnte sie sich schon wieder zurück ins Bett.
    Seufzend band sie ihre widerspenstigen braunen Locken zu einem Pferdeschwanz. Alle sagten, was für ein Glück sie mit ihren Naturlocken habe, aber sie träumte von fließendem, glattem Haar, wie es die meisten anderen Mädchen in ihrer Schule hatten.
    Nun ja – offenbar unterschied sie sich in mehr als einer

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