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Blutiger Winter: Ein Oger-Roman (German Edition)

Blutiger Winter: Ein Oger-Roman (German Edition)

Titel: Blutiger Winter: Ein Oger-Roman (German Edition)
Autoren: Stephan Russbült
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Prolog - Im Wein liegt die Wahrheit
 
 
 
    Weinkeller gab es viele in Nelbor, wahrscheinlich sogar mehr, als es alte Geschichtenerzähler gab, und in Anbetracht von deren Trinkfestigkeit schien das auch mehr als sinnvoll. Die meisten Kneipen besaßen natürlich einen derartigen Keller, aber auch so manches Herrenhaus rühmte sich eines solchen. Einige davon präsentierten sich als Löcher in der Erde, andere hatte man aufwendig aus Felssteinen gemauert, kuppelförmige Decken geformt und sie herrschaftlicher als so manches Wohnhaus gestaltet. Der Wein selbst lagerte in Fässern oder Flaschen, lag in eigens dafür gebauten Regalen oder stand einfach dort, wo Platz war. Die verschiedensten Weinsorten kamen nicht nur aus allen Teilen des Landes, sondern auch aus den umliegenden Ländern oder von noch weiter her. Einige der Flaschen waren so teuer, dass sie sich eigentlich niemand leisten konnte, erst recht nicht, um allein seinen Durst daran zu stillen. Die meisten hingegen konnte man günstig erwerben, und manchen Fusel schenkte man sogar kostenlos an Bedienstete, Gaukler sowie Bettler aus.
    Ein Weinkeller jedoch war anders. Über ihm thronte kein Haus, und die Flaschen waren nicht verkäuflich und wahrscheinlich nicht einmal genießbar. Dies allein machte den Keller schon besonders, wirklich einzigartig machte ihn aber erst die Tatsache, dass er älter war als die Erde, in die er gegraben worden war.
    Ein süßlicher Geruch lag in der Luft des Gemäuers. Der schwere Duft nach Vanille, Zimt und gärenden Trauben reichte aus, um Übelkeit in einem hervorzurufen. Hunderte von verstaubten Flaschen lagen in den Regalen an der fein säuberlich verputzten Ziegelsteinwand. Hier lag der Staub von Jahrhunderten, abgeschottet vom Trubel der Außenwelt. Eine weißhaarige alte Frau saß hinter einem schweren Eichentisch. Ein schwarzer Schleier hing ihr vor dem Gesicht, in Wellen drapiert wie ein Vorhang. Kein Atemzug der Frau vermochte diesen Stoff zu bewegen. Die drei entzündeten Kerzen, die auf dem Tisch standen, beleuchteten ihre Umrisse nur schemenhaft.
    Unvermittelt stieß sie ein dämonisches Kichern aus und sprang von ihrem Stuhl, indem sie sich mit den Händen von Stuhlrücken und Tischkante abstieß. Mit einem Satz verschwand sie unterhalb des Tisches aus dem Sichtfeld. Ein schlurfendes Geräusch erfüllte den Raum, als sie wieder hinter dem Möbel hervorkroch, zwei Krücken von der Länge eines Stuhlbeines gepackt. Ihre Beine waren kurz unterhalb des Beckens abgetrennt, der komplette Unterkörper in Leinenbandagen gewickelt. Äußerst behände wippte sie ihren Rumpf nach vorn, durch die Lücke zwischen den Krücken hindurch, setzte ihn auf den Boden auf, zog die Hölzer hinterher und wiederholte die Prozedur. Ihr schwarzes Gewand schleifte teilweise über den Boden; der Saum war von der ständigen Beanspruchung schon ganz zerschlissen und wirkte wie ein Spinnennetz.
    Überraschend schnell durchquerte die Alte das Kellergewölbe bis zu dem Weinregal. Sie zog eine Flasche aus der zweiten Reihe von unten, drehte das vergilbte Etikett zu sich und pustete den Staub fort.
    »Oho, ein gutes Jahr«, kicherte sie. »Tissnaff, der große Rote, wurde von den Göttern zu sich gerufen, und wenig später dann die Ermordung von König Uhlgaard und seiner Frau durch die Hand ihres eigenen Sohnes.«
    Sie legte die Flasche auf den Boden und rollte sie vorsichtig in Richtung Tisch. Dumpf klirrend, holperte die Flasche ihrem Ziel entgegen. Mit ihren Krücken machte sich die Alte auf den Rückweg. Sie hielt auf die Flasche am Boden zu und stieß sie mit dem Unterleib weiter nach vorn, bis sie schließlich unter dem Tisch verschwand. Die Greisin legte die Krücken beiseite, dann kroch sie hinüber zu ihrem Stuhl. Bevor sie ihren Sitz erklomm, griff sie nach der Flasche Wein und schob sie mit ausgestrecktem Arm über den Rand des Tisches.
    Wieder auf ihrem Stuhl, entkorkte sie die Flasche geschickt mithilfe einer Apparatur, die an der Seite des Tisches angebracht war. Aus einer Schublade holte sie eine bronzene Schale hervor und goss den Inhalt der Flasche bis zum letzten Tropfen hinein. Anschließend hielt sie den Korken dicht vor den Schleier und schnüffelte daran. Fast sah es so aus, als ob eine gespaltene Zunge unter dem Stoff nach dem Pfropfen tastete.
    »Pfui, sauer wie Essig«, fluchte die Alte.
    Aus einer weiteren Schublade kramte sie einen Leinensack hervor und breitete ihn mit der Öffnung nach oben vor sich auf dem Tisch aus.

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