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Blitz wird herausgefordert

Blitz wird herausgefordert

Titel: Blitz wird herausgefordert
Autoren: Walter Farley
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Ein Brief

    »Lieber Alec Ramsay«, begann der Brief, »schon seit langer Zeit habe ich Ihnen schreiben wollen, aber ich fürchtete, Sie hätten so viel zu tun, daß Sie meinen Brief gar nicht erst lesen würden. Jetzt habe ich mich entschlossen, es trotzdem zu wagen, weil ich weiß, daß es niemand gibt, der meine Liebe zu einem Pferd so gut verstehen wird wie Sie, und so möchte ich Sie bitten, mir zu helfen.«
    Alec hielt im Lesen inne und erhob sich von dem Geschirrkoffer, auf dem er gesessen hatte. Offensichtlich suchte Henry Dailey etwas und wollte den Koffer öffnen.
    »Was brauchst du denn, Henry?« fragte er.
    »Die Röntgenaufnahmen, die Doktor Palmer gemacht hat«, sagte der Trainer.
    »Sie liegen oben in der rechten Ecke.«
    Der alte Mann nahm die Negative aus dem Koffer und hielt sie, eins nach dem anderen, gegen das helle morgendliche Sonnenlicht, das zur Tür des kleinen Raumes hereinflutete. Er betrachtete die Aufnahmen genau; dann schüttelte er den Kopf.
    »Du wirst nichts finden«, sagte Alex.
    »Es könnte ein winziges Fleckchen sein, das wir übersehen haben!«
    »Es ist nichts da!« beharrte Alex. »Der Huf ist längst wieder geheilt, der Arzt hat uns sein Wort darauf gegeben. Die Photos beweisen es einwandfrei, und überdies bewegt sich Blitz mühelos.« Seine Ungeduld ließ ihn hinzufügen: »Ich verstehe gar nicht, warum du dir mit Gewalt Sorgen machen willst! Er war doch heute morgen wild danach, rennen zu dürfen. Seit Monaten habe ich ihn nicht so lebendig und vergnügt gesehen!«
    »Du hast ihm die Zügel freigegeben, obwohl du bloß einen Probegalopp machen solltest!« sagte der Alte vorwurfsvoll.
    »Ich konnte ihn, wie ich dir schon sagte, nicht halten. Er war übermütig und bockte auf dem ganzen Weg! Du weißt doch selbst, daß er völlig frisch war, als wir in den Stall zurückkamen; beim Aufundabführen mußten wir ihn beide halten!«
    »Ja, ja, ich weiß«, bestätigte Henry, dann betrachtete er die Negative nochmals.
    Alec Ramsay nahm den Brief wieder vor, den er noch in der Hand hielt. »Willst du, daß ich dir diesen Brief vorlese?«
    »Warum denn nicht? Liest du mir nicht immer die Briefe deiner Verehrer vor?«
    »Gewiß — aber manchmal hörst du nicht hin!«
    »Ich werde zuhören, ich kann dabei trotzdem arbeiten. Jeder, der dir schreibt, benötigt deine Hilfe; dieser hier sicher auch, genau wie die zehn oder zwölf anderen jede Woche. Er liebt Pferde so sehr wie du. Oder ist es diesmal zur Abwechslung ein Mädchen?«
    Alec wendete den Brief um und las die Unterschrift. »Nein, er kommt von einem jungen Mann, der Steve Duncan heißt. Aber insofern hast du recht: er liebt Pferde genauso wie ich und bittet um meine Hilfe.«
    »Soll ich dir Vorhersagen, was er weiter schreibt:’« fragte der Alte, ohne die Augen von den Negativen zu nehmen. »Ich kann dir Wort für Wort sagen, wie es weitergeht.«
    »Nein, laß mich den Brief vorlesen, vielleicht ist es diesmal ein wenig anders.«
    Mochte das stimmen oder nicht, dachte Alec bei sich, wichtig war, daß die Menschen für ihn und Blitz genügend Interesse aufbrachten, um ihm zu schreiben. Sollte der Tag kommen, an dem er und Henry zuviel zu tun hatten, solche Briefe zu lesen, dann würde es besser sein, überhaupt keine Rennen mehr zu bestreiten.
    »Ich weiß aus den Zeitungen, daß Sie Blitz in diesem Winter nach Hialeah-Park gebracht haben und ihn dort bald in Rennen herausbringen werden«, las Alec laut. »Ich weiß genau, wie Sie fühlen als Besitzer eines so wundervollen Pferdes, und ich möchte...«
    Henry schob die Negative in den Schutzumschlag und legte ihn wieder in den Koffer. »Dieser Junge weiß ganz genau, wie du Blitz gegenüber empfindest, und er möchte eines Tages ganz genauso ein Pferd besitzen wie Blitz«, sagte er, »und du kannst ihm genausowenig helfen wie all den anderen, Alec! Wie kommt es bloß, daß die Leute nicht verstehen können, daß so ein Weltwunder von Pferd höchstens ein einziges Mal — wenn überhaupt — in einem Menschenleben auftaucht!«
    Alec zuckte die Achseln, als er Henrys Blick begegnete. Henrys Gesicht war zerfurcht und runzlig wie altes Pergament, aber seine Augen und seine Stimme waren noch frisch und lebhaft. »Dabei würde ich jeden von ihnen bemitleiden, wenn sie wirklich einmal ein solches Ausnahmepferd wie Blitz besäßen«, fuhr der alte Mann fort. »Sie wissen nicht, was es heißt, ein solches Tier unter den Händen zu haben; sie ahnen nichts von den Problemen, vor die es

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