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Black Monday

Black Monday

Titel: Black Monday
Autoren: R. Scott Reiss
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1. KAPITEL
    27. Oktober. Sechs Stunden vor dem Ausbruch.
    Eine Seuche, die für Millionen Menschen den Tod bedeutet. Die ganze Länder vernichtet. Und die Welt in ein finsteres Zeitalter stürzt.
    Eine Seuche; die niemanden krank macht.
    Lewis Stokes – zumindest lautet so der falsche Name in seinem in Nevada ausgestellten Führerschein – wirft einen weiteren Dollar in den Glücksrad-Spielautomaten in der Lobby des Hotels New York-New York in Las Vegas und spürt, wie sein Herz plötzlich schneller schlägt, was allerdings nicht an dem Spiel liegt. Der ehemalige Bettlerjunge – dessen Mutter öffentlich enthauptet wurde – hat soeben den zwanzigjährigen Anglistikstudenten der University of Nevada entdeckt, den zu töten er zehntausend Kilometer weit geflogen ist.
    Der junge Mann – dunkelhaarig mit ungepflegtem Äußeren – kommt auf seinem Weg zur Rezeption an Blackjacktischen vorbei auf ihn zu. Aus einem hohen Glas schlürft er eine leuchtend rote Flüssigkeit, wahrscheinlich einen Singapore Sling oder einen Mix aus Rum und Fruchtsäften. Er wirkt angetrunken, arglos, allein.
    Der Junge muss um 0 Uhr 14 getötet werden.
    »Keine Minute später«, hatte Lewis' Mentor gesagt, während er ihm die ganze Palette perfekt gefälschter Papiere übergeben hatte.
    Doch als Lewis sich anschickt, aufzustehen und dem jungen Mann zu folgen, fällt ihm auf, dass dieser zu hochaufgeschossen ist, um Robert Grady zu sein.
    Er sieht Grady nur ähnlich.
    Lewis flucht vor sich hin und schiebt noch einen Dollar in den Automatenschlitz.
    Normalerweise ein gut aussehender Blondschopf, hat sich Lewis heute in einen dunkelhaarigen Typen mit beginnender Glatze verwandelt. Von Natur aus schlank, wirkt er jetzt schwerfällig und unbeholfen, ein Ballon unter dem Hemd täuscht einen Bauch vor, und er trägt eine Brille mit einem dicken, schwarzen Rahmen. Er hält sich krumm und zieht beim Gehen einen Fuß nach. Die wenigen Leute, die ihn bemerken, sehen nur einen armen Kerl in einer schlecht sitzenden Sportjacke, einem billigen Teil von der Stange.
    Seine Position am Spielautomaten ermöglicht ihm den Blick auf die Rezeption, ohne selbst von den Pagen, den Angestellten an der Rezeption und den Sicherheitsleuten wahrgenommen zu werden. Einer unter Hunderten von Spielern. Aber dieser eine Spieler verbirgt eine Glock unter der Jacke, und hinten in seinem Gürtel steckt ein gezacktes Kampfmesser. Lewis hat sein erstes Opfer im Alter von zwölf Jahren getötet, in Notwehr, in einem Zelt.
    »Glücks … rad«, ertönt ein ganzer Chor mechanischer Stimmen aus dem Automaten, während das Rad sich dreht und bunte Lichter blinken und die potenziellen Gewinne – $ 800, $ 100 und $ 20 – in Form von Tortenstücken auf dem Rad erscheinen.
    Las Vegas geht ihm auf die Nerven, die Aufdringlichkeit, der Krach und das Durcheinander, all das erinnert ihn an das Flüchtlingslager, in dem er aufgewachsen ist. Das grauenhafte Erdgeschoss ist das Schlimmste. Als hätte Fellini es sich ausgedacht. Eine Kakophonie aus Rockmusik, herumrennenden Kindern, plärrenden Spielautomaten, lachenden Betrunkenen. Keine Fenster, die den Blick auf die Außenweit freigeben. Ein riesiges Glücksspielareal, wo es zugeht wie im Irrenhaus, ein Labyrinth, durch das sich ein endloser menschlicher Jackpot wälzt. Menschen, die wie die Münzen aus den Fahrstühlen ausgespuckt werden, unterwegs zu den neuen Mausefallen in der Umgebung: in das Riviera und das Paris, das Monte Carlo, das Gold Coast – sie alle haben nicht die geringste Ähnlichkeit mit den romantischen Orten, nach denen sie benannt sind.
    Aber wo mag Robert Grady stecken?
    »Lass es möglichst nach Raubmord aussehen«, hatte Lewis' Mentor gesagt. »Aber sollte der Bursche um 0 Uhr 14 gerade mitten in einer überfüllten Lobby stehen, dann gehst du einfach auf ihn zu und erschießt ihn. Kann ich mich darauf verlassen, dass du dich notfalls opferst, mein alter und besonderer Freund?«
    »Und was passiert um 0 Uhr 15, falls er dann immer noch lebt?«
    »Dann wird die Welt – unglücklicherweise – bleiben, wie sie ist.«
    »Was kann daran so wichtig sein, einen College-Studenten zu töten?«
    »Ich würde dir gern genau erklären, welche Rolle er spielt. Du hättest es verdient. Aber wenn die Amerikaner dich schnappen, wenn die rauskriegen, wer du bist, dann werden sie versuchen, dich mit allen Mitteln zum Reden zu bringen.«
    Ihm bleiben noch fünf Stunden und dreizehn Minuten.
    Lewis ist vor zwei Tagen in Las Vegas

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